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Gemurmel der Ziller an sein Ohr, welche tief in den Schluchten unter beständigem Fallefortströmt und sich einen Ausweg nach dem Jnn durch diese Felsenlabyrinthe bricht.
Um so mehr mußte es ihn in Verwunderung setzen, als er in dieser schauervollenWildniß Plötzlich eine kreischende männliche Stimme vernahm. Rascher vorwärts schrei-tend aber stellte sich ihm gleich darauf eine Scene dar, welche er am allerwenigsten andiesem Orte zu sehen erwartet hatte.
Er war nämlich kaum einige Schritte durch das Dickicht vorgedrungen, — als sichdieses endigte und er vor sich einen öden Felsenkcfsel erblickte, aus welchem die Tönegekommen waren. Der Inhaber dieser Stimme aber war Niemand Anderer, als jeneskleine, braune Männchen, dessen Bekanntschaft er schon in der Schenke zu Zell gemachthatte, und das mitten im Thäte, in der Rechten eine Rolle Papier haltend, mit welcheres, wie ein Geisterbeschwörcr, die Lüfte durchfocht, gar heftig hcrumsprang und für Franz!ganz unverständliches Zeug vor sich hin schrie.
Franzl konnte sich nicht anders denken, als daß der Alte verrückt geworden sei, alsihn dieser mit Einemmale erblickte, sogleich seine seltsame Lustbarkeit einstellte, und einenFolianten und mehrere Schriften, die zerstreut im Moose umherlagen, auflas.
„Was treibst Du hier für tolles Zeug, Alter?" fragte Franzl mit unmuthigem Gesichte.
„Tolles Zeug?" antwortete der Kleine. „I nu, wie man's nimmt. Was derEine für klug hält, kommt dem Andern wie toll vor. Ich freue mich eben über meinegelungene Entdeckung, von der Du freilich nichts verstehst — und wenn ich mich rechtfreuen will, so geh' ich in den dicken Wald, da freuen sich die Vöglein auch und dieQuellen, und das Laub am Baum, da singt und murmelt und säuselt Alles mit. DieMenschen können das viel weniger, das macht, weil ihnen die alte Schlange „Inviäia^im Herzen sitzt, die immer hervorguckt, so oft ein Anderer glücklicher geworden ist, als sie."
„Du hast nicht ganz Unrecht, Alter," erwiderte Franzl nachdenkend, „und darummöchte ich Dich um Rath befragen," setzte er nach einer kleinen Pause hinzu; „Du bist, zwar ein sonderbarer Kauz, wie mir noch kein Zweiter je vorgekommen, aber Du scheinstmir trotz Deiner Narrheit doch vernünftiger, als die Anderen alle. Schaust, — d'rummöcht' ich Dich fragen, was ich in meiner schlimmen Lage, die Deiner Voraussagung> nach jetzt wirklich eingetroffen ist, unternehmen soll."
„Hm, Du machst gar sonderbare Complimente," erwiderte der Kleine, „aber rückeheraus, doch schnell, ich muß heute noch vor Mittag in Straß sein."
„Auch mein Weg führt dahin," sagte Franzl.
„Nun, so laß uns aufbrechen," erwiderte Jener, indem er seine Taschen mit denBüchern und Schriften vollstopfte, den Folianten unter den Arm nahm, und mit einemschwarzen abgenützten Sammtbarctt das kahle Haupt bedeckte. „So, jetzt osserire mir, Deine Fatalitäten, wir wollen sehen, wie ihnen abzuhelfen."
Hierauf machten sich Beide auf den Weg, und Franzl erzählte dem Kleinen ohneUmschweife das Vorgefallene.
Der Kleine schüttelte Anfangs den Kopf, wurde aber immer heiterer, so daß er amEnde der Erzählung in ein lautes, schallendes Gelächter ausbrach, worüber Franzl fastzornig wurde.
„Er verweigert Dir also hartnäckig die Dirn?" fragte hierauf der Kleine.
„Er will nichts mehr von mir wissen," cntgegnetc Franzl.
„Uono, Iiena," rief Jener, „und der Maximilianus" — hier brach er wieder inein unmäßiges Lachen aus — „soll für Dich werben?"s ,,Ja," sagte Franzl, „mit diesen Worten hat er mich gehöhnt.*
1 „Lnno, optime," rief der Kleine abermals.
! »Hcrr," donnerte der junge Schütze, „jetzt hab' ich's aber g'rad genug —"
„Irumrns, Bürschchcn, taoeas!" sprach hierauf der Kleine, indem er die buschigen' Augenbrauen zusammenzog, so daß sie einen Triangel bildeten, „nur mir gefolgt. —