Ausgabe 
29 (5.9.1869) 36
 
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Uro. 36.

5. Sept. 1869.

Augsburger

onntags-Blatt.

Von deinen Kindern lernst du mehr, als sie von dir.

Sie lernen eine Welt von dir, die nicht mehr ist;

Du lernst von ihnen eine, die nun wird und gilt.

Friedrich Rückert

Die Hand.

Historische Novelle von Ludwig Habicht .

(Liedcr«ivru<l ist ohne Erlaubniß beb Verfassers nicht gestattet.)

I.

Zu meinen Füßen sinkt ein Bla«t,

Der Sonne müd', des Regens satt,

Als dieies Blatt war grün und ueu,Halt' ich noch Eltern lieb und treu.

U h l a n d.

In einer ärmlichen Hütte des Sprottaucr Forstes saß ein junges, bleiches Weibund blickte mit sehnsüchtigen Augen in die Ferne.

Es war ein tief verschwiegenes Plätzchen; mächtige grüne Eichen lehnten sich überdie niedrige Hatte weit hinaus und schienen, die starken Aeste behaglich auf das Dachlegend, dem Größcrwerdcn desselben Schranken gesetzt zu haben.

Die Mv'-gensonne blitzte mit ihrem dunklen Falkcnaugc durch die grünen Bäume,von allen Zweigen jubelte des Frühlings lustige Sängerschaar, an jedem Halme hingenThautropfen und sogen hastig den heißen Strahl der Sonne ein, um für einen kurzenAugenblick im herrlichsten Briüantseuer zu strahlen und dann fast spurlos zu verschwinden.

Au einem solch' stillen, lauschigen Platze ahnen wir immer wieder, daß die Naturjenes unentweihte, keusche Herz besitzt, das mit tiefvcrwandten Schlägen an das unserepocht, wenn zu guter Stunde sich uns ihr stillgeheimnißvolleS Zauberscin erschloß.

Ja ewig jung ist die Natur, Jahrtausende färben nicht eine ihrer braunen Locken,ziehen nicht eine einzige Runzel auf ihre ewig glatte Stirn, und so lag sie auch - dieblühende, lächelnde Natur, an einem Frühlingstage des Jahres 1321 geheimnißvoll undso süß vertraut vor dem sinnenden Auge der dort in der Hütte Sitzenden, wie sie nochheute, nach Verlauf von mehr als fünf Jahrhunderten, entsiegelt und doch ewig vcr-> schlössen vor dem unsern ruht.

Vielleicht mochte die Fricdcnsstille der Natur heute nicht ihren ganzen Zauber aufdie Gedankenvolle ausüben, weil ihr Blick verlangend in die Ferne schweifte und ihreBrust von Zeit zu Zeit einen Seufzer auSstieß, und doch lag in diesem blauen Auge ein

tiefer Glanz, eine erquickende Wärme, wie Beides in solch' Poetischer Frische nur aus

einer die Schönheiten der Natur erfassenden Seele kommt.

. Die ganze Erscheinung der am Fenster Sitzenden hatte etwas zartes, ätherisches, es

I lag schon jener ernste Hauch darüber gebreitet, der zumeist aus dem reichen Born der

^ Schmerzen quillt, und das Leben nicht nach Stunden und Tagen, sondern nach den

- Pulsschlägen des Herzens zu zählen lehrt.

! Die mehr als dürftige, rohe Umgebung contrastirte eigen mit der feinen, lieblichen

! Gestalt.

! Diese zierlichen, weißen Hände hatten dort an dem schmutzigen Heerde mit seinem

l einzigen rußbeladcnen Kessel nichts zu schaffen gehabt, diese feinen, schlanken Schulternnicht da« Joch schwerer Körperarbeit getragen, das lehrte der erste Blick, nur die