Ausgabe 
29 (5.9.1869) 36
 
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Kleidung war schlicht und einfach, und würde fast die eines ehrsamen Bürger-TöchterleinSnicht erreicht haben.

Sie konnte kaum 15 Jahre zählen, und man würde sie noch für ein Mädchen ge-halten haben, wenn nicht der oft vom Fenster hinweggleitcnde und auf ein neben ihrschlummerndes Kind zärtlich ruhende Blick bekundet, daß sie bereits die Pflichten einerMutter zu erfüllen habe.

Und sie mußte dieser schönen Aufgabe mit schwärmerischer Begeisterung nachkommen,denn das sonst umwölkte Auge blickte so sorgend, liebend, so mutterglücklich auf denneben ihr in einem. Korbe Schlummernden.

Plötzlich hörte sie den Hufschlag von Pferden, und sie wollte freudig erregt hinausund den Kommenden entgegen eilen, besann sich aber auf ihr Kind, das nach ihrem be-sorgten Mutterhcrzen während ihrer Entfernung Gefahr laufen konnte und blieb, um dieKommenden au der Thüre zu empfangen.

Der erste der Reiter, den das junge Weib zärtlich in die Arme schloß, war einehochaufgeschossene, jugendlich trotzige Gestalt, voll Kraft und Feuer. Er konnte höchstens20 Jahre alt sein, aber in seinem Auge lag schon der Blick des gereiften Weltmannes,um seine Lippen spielte jenes ruhige Lächeln,- an dem der Wille Anderer rücksichtsloszerschellt, wenn er dem eigenen durchkreuzend zu nahen wagt.

Das krause, schwarze Haar, die niedrige, aber gedrungene Stirn, das lebhaft blitzendeAuge Alles verrieth den Feuergeist, der in seiner Seele brodelt. Seine Bewegungenwaren leicht und elastisch, mit welcher Gewandtheit schwang er sich nicht aus dem Sattel seine ganze Erscheinung voll Anmuth und Adel so angenehm und gefällig konntedamals nur ein galanter Königshof erziehen.

Sein Begleiter, derGeorg" genannt wurde, ein blutjunges Bürschlcin miteinem schon recht verschlagen hofmännischen Gesicht, war augenscheinlich der Diener desErsteren; denn er hielt sich in ehrerbietiger Entfernung und blieb draußen mit denPferden beschäftigt, während Jener mit seinem jungen Weibe in die Stube trat.

Du kommst erst heut'! Wie hab' ich dich erwartet und ersehnt, du wolltest jaschon gestern eintreffen! Und welche Nachricht bringst du?" frug sie ängstlich besorgtund ihr Auge ruhte forschend auf den Lippen des Geliebten.

Wir müssen fort, eiligst fort," entgcgnete dieser hastig,dein Batcr hat an dieTante in Sagan geschrieben, daß die Zeit des Bcsuchcns längst verstrichen, und erdes Wartens müde, uns selbst holen lasten würde."

O Gott! mir ahnte nichts Gutes," seufzte das junge Weib,wir sindzu unglücklich."

Ich bin nur froh," cntgegnete der junge Mann,daß der schlaue Georg den fürdie Tante bestimmten Brief aufgefangen hat, und daß ich überhaupt auf den glücklichenEinfall gekommen bin, ihn krank werden und dort zu lasten."

Aber, werden wir fort können, Boleslaus?" und sie zeigte besorgt aufden Kleinen.

Eine Unmuthswolkc überzog seine Stirn, und er sagte zögernd:Ich habe denganzen Weg über ein Auskunftsmittcl nachgedacht, und es gibt nur eines."

Und welches?" frugen die Augen der noch Unglücklicheres Fürchtenden, währenddie Lippen geschlossen blieben.

Er blickte sie scharf und forschend an, als wolle er prüfen, ob sie schon jetzt demheftigen Schlage gewachsen sei, oder ob er damit noch zurückhalten müsse, aber die Zeitdrängte und er liebte es nicht, dies Zögern, dies Zurückschcucn vor einem kecken Wort,und sagte darum fest und ruhig:Wir müssen den kleinen Ludwig zurücklassen."

Mein Kind!" rief die junge Mutter aus, und stürzte auf den Korb des Kleine»zu, als wolle sie ihn vor jedem Angriff schützen.Boleslaus, das kaun dein Ernstnicht sein!"