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„Mein voller Ernst, bei Gott ! Ich kenne keinen andern Ausweg, — als geradeden," — war die Antwort.
„Nein, nein, — von meinem Kinde laß' ich mich nicht trennen, — das darf mirNiemand rauben!" rief das junge Weib in einer Aufregung, die von der, trotz ihrerJugend, in ihr wogenden Mutterliebe ein glänzendes Zeugniß gab.
„Sei vernünftig! glaubst du denn nicht, daß ich unser Kind eben so innig liebe?Aber die Nothwendigkeit gebietet, uns auf kurze Zeit von ihm zu trennen — wirmüssen," — gegcnrcdete Boleslaus.
„Wir müßen?" — frug Margarethe befremdet und mit ganz eigener Betonung;„nein, Boleslaus, wir müssen nicht! Wer zwingt uns denn dazu, unsere Lage längergeheim zu halten?"
„Die Ehre!" erwiderte dieser fest und entschlossen.
„Und wenn wir uns dem Vater entdeckten? Er ist wohl streng und finster, aberSchlimmeres kann uns nicht begegnen, als hier uns droht!"
„Nein, nimmermehr!" war die Antwort; „ich will nicht zum Hohn und Spott desganzen Landes werden, will nicht, daß jede Dirne dich mit hochmüthig überlegenem Augeansehen soll, während du sie einst Alle überstrahlen wirst."
„Ach, was härm' ich mich um die ganze Welt, wenn ich dich und mein Kind nurhab'!" — war ihre liebevolle, schwärmerische Antwort.
„Der Schimpf verzehrt auch das größte Glück," erwiderte Boleslaus, „nein, —Margarcth, all' diese Sorgen und Mühen, diese fortwährenden Anstrengungen hätten wirnur gemacht, um nah' am Ziel, durch unsere Thorheit Alles zu verderben? — Noch istnichts entdeckt," fuhr er lebhaft fort, „dein Vater denkt uns in Sagan, und Dank deralten Tante blöden Augen, daß du so lange bei ihr bleiben konntest. Auf Georg kannich mich verlassen, er ist rein wie Gold, und dies alte dumme Weib, bei der wir unseingemiethet, sieht nur auf unsere böhmischen Dukaten, und schecrt sich sonst um nichts;doch ist sie gut und ehrlich, und du traust ihr ja selbst. Alles geht gut, sogar besterals ich zu hoffen gewagt, und ich sollte jetzt vor den Vater treten und demüthig sagen:Als du uns Beide gen BreSlau zur Erlernung der deutschen Sprache in's Kloster schicktest,da haben wir noch andere Studia getrieben, soll mich züchtigen lasten wie einen Buben,nein, das thue ich nicht, eher reiß' ich mir die Zunge aus dem Munde!" -— In seinemAuge blitzte ein stolzes Fener, seine Brust hob sich, und er schüttelte unmuthig, ent-schlossen das Haupt, als müsse er jedem feigen Gedanken hartnäckig die Stirn bieten.
„Und du willst mich von unserem Kinde trennen? Boleslaus, sei nicht so grausamgegen mich, — thu' es um unserer Liebe willen nicht!" Und sie rang flehend zu ihmdie Hände.
Er faßte sie in die seinen, und sah, von dem Schmerz des jungen Weibes bewegt,ihr liebevoll in das Auge.
„Gretchcn, gerade um unserer Liebe willen muß es sein, schilt mich nicht hart, dwZukunft wird dich milder urtheilen lehren. Sieh, die Trennung ist ja nur auf kurzeZeit; sobald wir vermählt, ziehen wir nach Schlesien und dann ist der kleine Ludwigwieder unser."
Das gcängstigte Weib neigte das Haupt. Sie hatte den beredten Worten Boleslausnichts mehr entgegen zu stellen, sie fühlte nur ein schneidend-unaussprechlich Weh in ihrerBrust, — und daß ein ganzer Himmel schmerzlich erschütternd in ihr zusammen brechenwolle. Sie nahm ihr Kind aus dem Korbe, das sogleich die Augen aufschlug, und dieschon wohlgckanntc Mutter anlächelte. In diesen lieben treuen Augen halte sie sich soglücklich gesonnt, sie waren die lichten, freundlichen Sterne gewesen, die allein noch in ihrdüsteres, glanzloses Leben gefunkelt, jetzt sollte es völlig Nacht werden, und mit diesemVernichtenden Gedanken erwachte die Mutterliebe von Neuem in voller Innigkeit und Stärk«.
(Fortsetzung folgt.)