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Nach der Schlacht von Königgratz .
Ein in Leipzig erscheinendes belletristisches Blakt hat am Gedenktage der Schlachtvon Königgrätz eine Reihe von ergreifenden Schilderungen dieses traurigen Tagesveröffentlicht, aus welchen wir einige im Nachstehenden mittheilen. Der Verfasser schreibt:
Auf dem Probluser Kirchhof war man am Begraben. Man hatte meist nicht weitzu tragen, denn am dichtesten lagen die Gefallenen auf dem Kirchhof selbst. Der Kirch-hof ist in allen modernen Schlachten Lieblings-Kampfcsstätte; die Todten fallen zu denTodten. In den Kirchthurm hatte eine Granate ein großes Loch geschlagen, das Pfarr-haus war durchlöchert, — in dem Zimmer des Pfarrers steckten I I Kugeln. Vor demgroßen Dorfbrunnen stand ein Posten, um die letzten Wasserreste für die Verwundetenzu sichern. An dem Dorfsaume, nach dem Westen zu, hinter einem Hcckcnzaun, lagensächsische Jäger in langer Reihe und weiter nach dem Westen hin, von wo unser Angriffkam, unsere Sechsundfünfziger (d. h. die vom Regiment Nro. 56). Eben schritt einTraucrzug auf den Kirchhof zu. Es waren Füsiliere von der Sten Compagnie, dieihren Hauptmann von Monbart zu Grabe trugen. Sie hatten für ihn in Eile einenschlichten Sarg gezimmert, und sein letztes Haus mit Blumen geschmückt. Als sie ihnin sein Grab gesenkt, dicht an der Kirche, kratzten sie seinen Namen an die Wand desGotteshauses ein; eh' die Sonne unter war, stand noch manch' anderer Name darunter.
Von Problus bis Mokrowous ist eine halbe Stunde. Hier war der Wiesengrundwie gepflügt. In der Meierei lagen Vierundfünszigcr. Aus ihr heraus trugen sie eineBahre, auf der zwei Todte lagen, ein galizischer Katholik, ein pommerscher Protestant.Der Ortspfarrer folgte in reichem Ornate, neben ihm ein evangelischer Geistlicher imFeldrock mit Binde und Päffchen. Der Eine betete sein cks proluiniis und kater noster,der Andere schloß mit dem Vater unser. Der katholische Geistliche nahm die Schaufel,und warf Erde in die Gruft; dann reichte er sie dem protestantischen Geistlichen; dernun ein Gleiches that. Ein Augenzeuge schreibt: „Ich hatte doch in etwas den Ein-druck von dem: ich glaube an eine heilige, allgemeine christliche Kirche."
Neben Mokrowus liegt Dohalitzka Mitten im Dorf, auf einem freien Platz, standein Cruzifix, umgeben von fünf stattlichen Linden. In die eine war eine Granate ein-geschlagen und hatte einen mannsstarken Ast wie ein Reis zersplittert; die Splitter lagenumher, das Staket war zertrümmert, aber der Gekreuzigte war unversehrt. Muß dochvor ihm alle Gewalt sich beugen! In der schönen, weithin sichtbaren Kirche befandensich über 100 Verwundete. Einzelne hockten in den Gängen der hochgewölbtcn Kirche,die Mehrzahl lag um den Altar herum, und blickte hinauf zu dem Bilde des Gekreu-zigten. Orgel und Kanzel waren hinausgetragen, die Fenster zerschossen, und doch wardas ganze Gotteshaus mit seinen Bewohnern eine gewaltige Predigt von dem „Kommether zu mir Alle, die ihr mühselig nnd beladen seid, ich will euch erquicken." lind siewaren mühselig und beladen. Einer lag da mit gespaltenem Schädel, so daß man aufdas Hirn sehen konnte; einem Anderen war die Schulter weggerissen, er starb; auf einemgroben, leinenen Tuch (er war nicht anders tranSportirbar) ließen sie ihn in die Grufthinab; da lag er in seiner Blöße und seine gebrochenen Augen, die Niemand ihm zuge-drückt, schauten aus der Grabestiefe zum Himmel auf. Mangel an Allem, kein Stroh,kein Wasser. Einem österreichischen Rittmeister reichte ein Feldgeistlicher ein BröckchenSchiffszwicback und einen Tropfen Wein; dem Wicderauslebcnden stürzten die Dankes-Thränen aus den Augen, — und er segnete die Hand, die ihm mit so Wenigem soViel gethan.
Von Dohalitzka führt ein hübscher Weg etwas bergab nach Sadowa. Es sind nur20 Minuten. Hier in Sadowa lagen die Schwervcrwundcten in der Zuckerfabrik zwischenden Kesseln und hydraulischen Pressen deS Siedehauses. In-dem Wirthshause, wohinman die verwundeten Offiziere geschafft hatte, war es schon wieder leer geworden. —Hier hatten Oberst-Lieutenant v. Pannewitz vom Regiment Elisabeth und Freiherr