Ausgabe 
29 (5.9.1869) 36
 
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bei uns hatten, war bald verbraucht. Ich versprach einem österreichischen Oberst, der vor«am Gehölz lag, so bald als möglich mit Wasser und einem Arzt wieder zu kommen,und ritt nach dem nächsten Dorf. Aber wo hier Hilfe hernehmen! Endlich glückte es,aber Wohl zwei Stunden mochten vergangen sein. Als wir in den Wald zurückkamen,erkannten wir den Platz kaum wieder. Die Oesterreicher alle geplündert, ohne dieUniformen lagen sie da, keiner regte sich mehr. Ich trat heran und rief:Hier istWasser, Master!" Alles vergeblich, still blieben sie. Den österreichischen Obersten konnteich unter den Todten nicht mehr herausfinden. Entsetzt verließen wir den Wald."

Auch Thaten christlicher Liebe kamen vor; leider nur sehr vereinzelt. Wir gebenein solches Beispiel. Zwischen Ober-Dohalitz und Dohalitzka lag ein Neunundvierziger,vergessen, unter unsäglichen Schmerzen, kein lebendes Wesen in der Nähe.Schonglaubte ich mich dem Tode nahe (so erzählt er selbst), als ein junges Mädchen erschien,einen großen Weinkrug in der Hand, und mir zu trinken gab; dann holte sie Masterund wusch und verband meine Wunden. Wie hab' ich's da empfunden:Und Gott sandte seine Engel!" Der Name dieses heldenmüthigcn Mädchens, die noch vieleAndere in gleicher Weise erquickte, war Josepha Kalina, eine Czechin. Uebrigens seigleich bei dieser Gelegenheit ausgesprochen, daß es sehr fraglich ist, ob die Schlachtfeld-Geier blos böhmisches Gesinde! waren. Viele Gerüchte sprechen vonMarodeurs," undmannigfache Anzeichen liegen vor, daß unserer eigenen (der preußischen) Armee seltsameGestalten folgten. Man hat diesem Punkt ernste Aufmerksamkeit gewidmet.

Vom Swiepwalde aus wandten wir uns nach Chlnm, um hier unsere Wanderungzu schließen Welch' ein Anblick wartete unser hier! Gleich am Ausgange des Dorfes,in einem Hohlwege, begegneten wir den Hufspuren desrothen Pferdes," von dem dieApokalypse spricht. Schritt vor Schritt wuchsen die Würgezeichen. Unsere Poniesscheuten ein todtes Pferd lag am Wege, dort wieder eins, daneben noch die Leicheeines Reiters, eines österreichischen Uhlanen, der seinen Säbel in erstarrter Faust hielt.Auf beiden Seiten des Weges, dessen lehmiger Boden reichlich roth gefärbt war, zwischenzertrümmerten Wagen und Kanonen, lagen Haufen von Todten. ... In der ChlumerKirche, deren Thurm und Dach von mehrer.n Granaten getroffen war, lagen die Ver-wundeten in so dichten Schichten, daß man mit äußerster Behutsamkeit zwischcnhin gehenmußte, um Keinen zu verletzen. . . .

Am 5. Juli brach die Armee auf, um südwärts zu marschiren. Die Arbeit wargethan; die Verwundeten hatten ihr Lager, die Todten ihr Grab. Freilich nicht Alle;es waren ihrer zu Viele; noch am achten war das Feld nicht völlig klar. Ein Offiziervom vierten Corps, der am genannten Tage von Ncdelist aus, wo er ein Commandohatte, einen Ritt über das Schlachtfeld machte, hat uns folgende Schilderung gegeben:Verflossenen Sonntag ließ ich mein Pferd satteln, um einmal ganz allein das Schauer-liche des Schlachtfeldes zu sehen. Das war jedenfalls für mich an diesem Tage dasBeste; ich hatte nichts um mich her, als meinen Burschen und einen großen, schwarzenJagdhund, das Geschenk eines sterbenden österreichischen Offiziers. Die untergehendeSonne warf bereits ihre letzten Strahlen auf das Feld, als ich aus Ncdelist heraustrittund der kühle Abcndwind trieb mir den Leichen- und Blutgeruch entgegen. Einen nichtan diesen Geruch Gewöhnten würde eine Ohnmacht angekommen sein; ich kannte ihnschon und ritt weiter, um nach Ehlum und Sadowa zu gelangen, wo die Hauptschlachtgeschlagen worden war.

Todtenstille herrschte ringsum, welche nur manchmal durch die Unruhe meines Pferdesund Hundes unterbrochen wurde. Beide vertrugen den scharfen Blutgcruch nicht; sobaldwir an eine Stelle kamen, wo ein Verwundeter gelegen hatte, schnaufte das Pferd mitweit geöffneten Nüstern und stampfte mit den Hufen auf den Boden, der Hund ging ingroßen Kreisen um die bezeichnete Stelle herum und heulte fürchterlich. Erst nach einerAufmunterung mit den Sporen ging das Pferd ruhig über Alles hinweg und jagte

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