Ausgabe 
29 (5.9.1869) 36
 
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endlich eine Lerche auf, die zwar singend in die Höhe stieg, aber einen Gesang anstimmte,wie ich ihn sonst bei Lerchen nie gehört habe. Es klagte mehr, als es schmetterte.Dieser Vogel war seit mehreren Tagen der erste, der mir zu Gesichte kam, denn währenddes Schlachtenlärms hatten sich die freundlichen Sänger entfernt. Ohne ein gewissesZiel zu verfolgen, ritt ich weiter und gelangte zu einer Muttergottcsstatne. Ach, welch'ein trauriges Schauspiel bot sich hier dar! Um sie herum lagen zwanzig Todte, einigemit halbgeöffneten gebrochenen Augen, die nach dem MuttergotteSbilde hingerichtet waren.

Andere hielten Rosenkränze und Kruzifixe in den Händen; sie hatten wahrscheinlichbis zu ihrem Ableben gebetet; nur Einer hatte ein Spiel Karten vor sich liegen; vondenen er eine krampfhaft in der erstarrten Hand hielt. An den Leichen zeigten sich dieverschiedenartigsten Wunden. Einem Jäger hatte die Kugel den ganzen Hintcrkopf weg-gerissen. Jedenfalls sind an dieser Statue Mehrere gefallen, und andere Verunglücktefind zu ihnen gekrochen, um daselbst ihr Leben zu beschließen. Ich sprang vorn Pferdeund kniete nieder, um für die Todten zu beten.

M i s e e l l e r».

* Ueber eine Eisenbahnschlacht in Amerika erzählt dieEngl . Corresp." :Ein Kampf absonderlicher Art, von dessen Gleichen der Schlachtenbesinger Homer sichnichts hätte träumen lassen, hat am Uten dieß im Staate New-Uork an der Albany-Susquchanna-Bahn gewüthet. Die Eric-Gesellschaft und die Albany-Gescllschaft liegenin Fehde um eine Schiencnstrecke zwischen Tunnel-Station und Hapcrsviüe, und dieserStreit ist mit Truppenmassen ausgefochten worden, wie viele deutsche Kleinstaaten sie nichtin's Feld zu schicken vermöchten: 1200 bis 1400 Mann standen mit Pistolen, Keulenund andern Waffen einander gegenüber. Gegen 4 Uhr Nachmittags besetzten 7 bis800 Bahnarbciter und Beamte der Eric-Gesellschaft die Tunnel-Station, während dieAlbany-Gesellschaft mit 350 bis 400 Mann das andere Ende des'Tunnels besetzt hielt.Die Eric eröffnete den, Kampf, um das streitige Gebiet zu erobern. Zwei Wagenwurden mit etwa 250 Leuten gefüllt, eine Lokomotive vorgespannt und mit Hurrah ginges durch den Tunnel. In ihm trafen sie auf keinen Widerstand, auf der andern Seiteaber fanden sie eine Schiene anSgehobcn. Schnell wurde sie erneuert und die Fahrtfortgesetzt, als ihnen an einer Biegung ein Zug mit Albany - Leuten entgegenkam. Miteinem gewaltigen Krach platzten die Maschinen auf einander, indessen die Kämpfer ab-sprangen und das Handgemenge begannen. Die Eric-Leute zogen jedoch den Kürzern,und flohen durch und über den Tunnel hin; ihre Locomotive trat gleichfalls arg beschä-digt den Rückweg an. Die Albany-Leute setzten in aller Eile ihre nicht minder starkmitgenommene und zum Theile vom Geleise gedrängte Maschine in Stand und auf dieSchienen, um den Sieg durch die Verfolgung zu krönen. Sie fanden jedoch die Gegnergesammelt und verstärk! am andern Ende des Tunnels, wo nun der Kampf von Neuemmit großer Wuth auLbrach. Der Angriff war eine ganz imposante Affaire. Pistolenwurden abgefeuert, Steine geschleudert, Keulen geschwungen, und in das Getümmel hineinschollen Drohungen und wilde Flüche. Um 8 Uhr machte die einbrechende Dunkelheitund noch wirksamer die Ankunft des 44sten Regiments oer Schlacht ein Ende. DasVerzeichnis; der Verwundeten ist von ziemlicher Länge; die Erie-Leute waren am schlimmstenweggekommen, doch konnten sie sich dafür eines Gefangenen rühmen. Sie hätten ihnniedergeschlagen, wäre nicht ein Bekannter aus den Reihen der Feinde für ihn eingetreten,der den Vorschlag machte, ihn als Gefangenen zu behandeln, so daß also die Formendes regelrechten Krieges unter civilisirten Völkern beobachtet wurden. Am folgendenTage bezogen die beidenEisenbahn-Heere" wieder ihre Positionen, doch war das44ste Regiment glücklicher Weise am Orte geblieben, und verhinderte eine neue Auflagedes Kampfes. Der Gouverneur des Staates nahm die Bahn vorläufig in Besitz, und