Aro. 37.
Rabe ist Glück, wenn sie ein Ausruhen ist, wenn wir sie gefunden, nachdem wir siegesucht; aber Ruhe ist kein Glück, wenu sie unsere einzige Beschäftigung ist.
Börne.
Die Hand.
Historische Novelle von Ludwig Habicht .
(Fortsetzung.)
Boleslaus fühlte, daß eS jetzt die Entscheidung gelte, daß er mit seinem eigenenKinde um die Liebe Margarethens kämpfen müsse. Er legte liebevoll den Arm um ihrenblendend weißen Nacken und flüsterte ihr, in schmeichelnd zärtlichen Worten, — mit demFeuereifer der Liebe seine Pläne und Hoffnungen zu, wie er an diesem Entschlüsse dieStärke ihrer Liebe proben und nie, nie dieses so große Opfer vergessen würde. Wohlführten dies unschuldige Schweigen des Kindes, diese blauen, freundlichen Augen nocheine beredtere Sprache, aber dennoch vermochte das junge Weib dem Zauber, den Boles-lans gewandtes, herzgewinnendes Wesen auszuüben vermochte, auf die Länge nicht zuwiderstehen, und sie lispelte ihm endlich wehmüthig zu: „Du hast mich überwunden,ach, wüßtest du, was meinem Herzen dieses Opfer kostet! Aber trennen wir uns nichthier — nehmen wir den Kleinen bis zur Grenze mit, lassen wir ihn nicht hier zurück,
! denn das alte Weib hat längst verlernt, Kinder zu hegen und zu pflegen." Sie wollteaus dem Schiffbruch ihres Glückes wenigstens ein Paar Trümmer, einige Stunden mehrdes Zusammenseins mit ihrem Kinde, retten.
Aber Boleslaus entschlossene Seele mußte auch diesen letzten Widerstand hinweg-räumen.
„Nein, Geliebte, das wäre thöricht. Sieh', in dieser tiefen Waldeseinsamkeit, daist unser Geheimniß vor aller Nachstellung, allem tückischen Zufall sicher; weißt du, obsich auf der Reise wieder eine so passende Gelegenheit darbietet, das Kind unterzubringen?Danken wir vielmehr dem Schicksal, das uns diese stille, so ganz für unser Vorhabengeeignete Hütte finden ließ. Glaube mir, — die Alten sind gerade die besten Kinder-wärterinnen, und dann soll Georg zu deiner Beruhigung hier bleiben. Du weißt, er ist- ein anstelliger Junge, — und wird den Kleinen nicht aus den Augen lassen. — Seiohne Sorge!"
Wie konnte ihr weiches, nur dem Gefühle folgendes Herz, diesem weitausschendenVerstände gegenüber, weiteren Widerstand leisten! Auch die Aussicht auf diesen letzten,wenn auch schon halb getrübten Wunsch, ließ sie sich aus den Händen winden, und sielispelte kraft- und tonlos, wie ein aus den Grundfesten herausgebrochenes Menschenherz,daS sich dann ruhig dem Drängen äußerer Mächte überläßt: „Nun, wie du willst!"
Er schritt, glücklich am Ziele zu sein — hastig hinaus, um sofort das Nöthigezur Reise anzuordnen und mit der, — nahe ihrer Hütte Kräuter suchenden Alten dasWeitere zu verabreden.
Margareth erhob sich, wollte ihm folgen — ihn zurückrufen, aber schon war er inder Thür verschwunden. Sie wankte zurück auf ihren Stuhl, preßte mit Inbrunst ihrgeliebtes Kind an das Herz, als wollte sie sich fest an dasselbe anklammern, legte eSdann in sein Körbchen und versank in ein tiefes, schmerzlich bewegtes Hinbrüten.