Ausgabe 
29 (12.9.1869) 37
 
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Draußen war von dem umsichtigen Boleslaus bald Alles zur Reise geordnet. Erhatte den schweren Kampf, vor dem er sich selbst gefürchtet, glücklich bestanden, obwohlihm nicht verborgen blieb, welch' tiefe Wunde er seiner Margarcth geschlagen. Abersolch' heftige, starrsinnige Charaktere stürmen rücksichtslos auf einen vor ihnen liegendenPunkt, unbekümmert, ob unter ihren Füßen liebende Herzen verbluten und für immerzu Grunde gehen.

Sein Stolz, seine Ehre wären durch eine Entdeckung zu tief verletzt worden, und

so mußte er Alles daran setzen, die Sache so lange in Nacht zu hüllen, bis es, nicht

einem tückischen Zufall, sondern ihm selbst gefiel, den Schleier zu lüften.

Er suchte dann die Alte, die Eigcnthümerin der Hütte auf. Es war durchaus

keine Vertrauen erweckende Persönlichkeit. Ein ewig halb freundlich, halb tückisches

Grinsen spielte um ihren zahnlosen Mund, und die geröthctcn Augen zuckten fast immerunruhig hin und her. Ihr Gesicht verrieth jene schmutzige Selbstsucht, die für jeden,auch den geringsten Dienst, das zahlende Silber in die Hand gedrückt sehen will, jedeFalte dieses verschrumpftcn Antlitzes schien nach Gelde zu geizen.

Sie sammelte Kräuter, wahrsagte und stand im Gerüche des Mchrkönnens alsBrodesien," ihre Hauptbcdürfnisie aber verschaffte sie sich durch Halten einer Ziege.

Bei dem jungen Manne hatte sie eine ergiebige Geldquelle entdeckt, und da siehiernach ihre Freundlichkeit bemaß und ihr sogar eine tiefe Mcnschcnkenntniß nicht abzu-sprechen war, so hatte sie bei Margarcth ein recht Vertrauen gewinnendes Benehmenentwickelt und den ersten, üblen Eindruck ihrer Erscheinung durch den Hinweis auf ihrehrfurchtfordcrndcs Alter zu verwischen gewußt.

BoleslauS rückte mit seinem Vorschlage wegen Zurücklassen des Kindes auf kurzeZeit, vielleicht auf Monate heraus.

Das Gesicht der Alten verklärte sich auf einen Augenblick wunderbar,welch' neuerDukatenregen!" mochte ihr Herz jubeln, wenn sie ein derartiges Mysterium zwischen derfünften und siebenten Rippe noch besaß, und dies nicht längst zum Pctrefact geworden,aber sie besann sich, und das Anfangs schmunzelnde Gesicht hing wieder verdrossen wieein Waschlappen in taufend Falten herunter. Sie entgcgncte zögernd:Junger Herr,ich bin alt und schwach, für meine Jahre wäre dies eine zu große Aufgabe."

Sperr dich nicht erst, Alte! Ich weiß, du hast dich in meine böhmischen DucatenVernarrt, und willst nur durch dein Weigern ein Dutzend mehr in deine knöchernenFinger," erwiderte hochmüthig der junge Mann.

Die Alte grinste freundlich, sich errathen zu sehen, denn solche Leute wissen dochfremden Scharfsinn zu schätzen, und bald war sie zur Erhaltung des Kindes über eine,beide Theile befriedigende Summe übereingekommen, die für das erste Jahr ausreiche»und dann erneuert werden sollte.

Auch diese Sache war glücklich beigelegt. Dem Pagen wurde jetzt die Anweisunggegeben, bis auf weiteren Befehl zur Oberaufsicht des Kindes hier zu bleiben, und mitgewohnter Ergebenheit versprach er, dieser Pflicht treulich nachzukommen. Inzwischensollte er die Pferde in Bereitschaft halten und die wenigen Nciscsachcn eiligst einpacken.

Boleslaus kehrte in die Stube zurück, nicht frei von Furcht, daß die unendlicheLiebe zu ihrem Kinde, Margaret!) von Neuem zum Hierbleiben gestimmt haben könnte.

Er fand sie noch in der hinbrütenden Stimmung, in die sie nach seinem Weggängeverfallen, und stellte sich dicht vor die liebliche, jetzt in Schmerz und Qual zusammen-gekauerte Erscheinung.

Selbst sein starres, hochfahrendes Herz konnte sich der Rührung nicht erwehren,fast dünkte es ihn selbst zu hart, und mildere, weichere Gefühle zitterten durch seineSeele.Wie glücklich, wie unendlich glücklich würde sie sein, wenn ich ihr diesen Schmerzersparte!" sagte er leise vor sich hin, da erwachte das junge Weib aus ihrem Hinbrütenund fragte:Kommst du schon wieder?" Er dachte der Anstrengung, die er schon