291
gemacht, des Schmerzes, den er ihr bereits verursacht, alle Triebfeder«, die ihn zu diese«Schritt bewogen, spielten von Neuem und mahnten ihn au sein Ziel. — Die guteStimmung war verloren.
„Ja, Margareth, es ist Zeit!"
Die Alte und Georg wurden gerufen, und mit der letzten Anstrengung ihrer Kraftempfahl die junge Mutter ihnen die Sorge für ihr Kind, und ließ sich von Beiden zu-schnüren, heilig darüber zu wachen.
Alles war jetzt zur Abreise bereit.
Sie kniete noch einmal vor dem schlummernden Kleinen, ein inbrünstig Gebet fürsein Wohl stieg aus dem Innersten ihrer Brust, und ihn — dem Schutze des Höchste»empfehlend, schwankte sie am Arme des Geliebten hinaus, einen letzten Blick auf die alte,räucherige Hütte werfend, in der sie so glücklich wonneselige Stunden verlebt, und diejetzt ihr Ein und Alles umschließen sollte.
Er hob, die wie eine geknickte Blume Zitternde, in den Sattel — und wollte diePferde in Trab setzen, da rief die Unglückliche hastig:
„Bringt mir noch einmal meinen armen Ludwig!"
„Aber, du holst dir ja nur neue Schmerzen," entgegnete Boleslaus — „willst d»denn ewig Abschied nehmen?"
„O, nur noch ein einzig Mal — nur einen Augenblick will ich ihn sehen, nein,bei deiner Liebe, schlepp mich nicht eher hinweg, bis du mir die Bitte erfüllt."
So unmuthig Boleslaus über diese neue Zögerung war, die ihm wieder gefährlichschien, so sah er doch ein, daß er ihrem Wunsche willfahren müsse, um nicht Alles z»verderben, und er befahl deßhalb der Alten, das Kind zu bringen.
Um Margareth aber zur Sicherheit wenigstens im Sattel zu behalten, stieg er selbstvom Pferde und reichte den Kleinen hinauf, der, erwacht, die Händchen nach der Mutterausstreckte.
Noch einmal preßte sie ihren einzigen theuren Schatz an die von tausendfachem Wehzcrquälte Brust; heiße, bittere Thränen perlten aus den dunklen, schönen Augen, undrollten auf das Gesicht des Kleinen.
„Ach, mein Kind — mein Kind," klagte sie mit herzzerschneidender, weicher Stimme,„diese Thränen sind die einzige Mitgäbe deiner Mutter, verzcih's ihr Gott!"
Der Kleine wurde zurückgetragen; Boleslaus schwang sich wieder in den Sattel —gab seinem Pferde die Sporen, und so lange und sehnsüchtig auch das junge Weib zurück-blickte, bald war die Hütte ihrem Auge gänzlich entschwunden und sie — getrennt —-vereinsamt — verlassen!
Boleslaus fühlte wohl Mitleid für ihre Qual, aber die Freude über das erreichteZiel kämpfte in ihm alle VorwurfS-Gedanken nieder. Das Kind ist ja nicht verloren,beschwichtigte er sich selbst, die Alte wird es, schon um ihres eigenen Vortheils willen,sorgfältig halten, selbst wenn Georg nicht immer dort bleiben könnte.
Arme Margareth!
Die Alte und der Page sahen den Fortreitenden lange nach.
„Ein hübsches Pärchen," meinte die Erstere, „und gewiß ganz was apartes."
„Hm! durchaus nicht," entgegnete Georg trocken, „sehne mich nach anderem Dienst,möcht' einmal bei einem Grafen sein!"
Die Alte kicherte und sagte vor sich hin: „Der kleine Gelbschnabel will mir Sandin die Augen streuen, aber das ist ja Kies aus dem Bober," — und sie schien ihn vor-läufig nicht zu beachten.
Das junge Blut langweilte sich zum Sterben in dieser öden, traurigen Einsamkeit.Zwar hatte er Anfangs in übersprudelndem Muthwillen allerhand Allotria getrieben, —aber mit bleiernen Flügeln zog Tag an Tag langsam vorüber. Das war kaum zumAushalten, — und um seinem Groll in etwas Luft zu machen, warf er eines Tages,