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' nachdem er seiner Hausgenossin in der Hütte das Oberste zu Unterst gekehrt, ihre sorg-fältig aufgespeicherte Kräutersammlung der genäschigen Ziege vor, die sie mit gesundemAppetit verspeiste, oder doch unter die Füße-Krat.
Die Alte war außer sich, als sie den Frevel entdeckte — ihr kostbarster Schatz aufso schnöde Weise vernichtet, — das forderte auf der Stelle Vergeltung. Sie versuchtein höchster Wuth, dem tollen Burschen ein Stück Holz an den Kopf zu werfen, doch —dieser fand noch schnell genug die Thür, und das schlichte Wurfgeschoß begrüßte nur sehrunfreundlich die alte Ziege, die so eben den Kopf neugierig zur Thür hereinsteckend, ihregewöhnliche Morgenvisite machen wollte, und ganz verwundert über solch' ungewohntenEmpfang ein kläglich-vorwurfsvolles Meckern hören ließ.
Das hieß den Zorn der Alten auf die höchste Spitze treiben. Um ihn verkühlenzu lassen, suchte Georg für heute das Weite und wanderte gemüthlich, unterweges nochsich seines gelungenen Streiches freuend, dem nächstgelegenen Städtchen Sprottau zu.
Er mußte sich ja für die verlebten Waldgefängnißtage schadlos halten, und machtesich dort in munterer Gesellschaft nicht wenig lustig.
Er hatte nebenbei nach seiner schnurrigen Wirthin, die ihm vollends mit ihrem ver-drossenen, häßlichen Gesicht das Leben dort in der Hütte unerträglich machte, gefragt —und erfahren, daß sie sich der Kunst des „Wahrsagens" befleißige, und sich darin einesnicht geringen Rufes erfreue.
DaS schien dem jungen Burschen Spaß zu machen, und heimgekehrt, — sagte er inlustiger Weinlaune zur Alten: „Ich muß dich mal mit anderen Augen ansehen, seitdemich weiß, daß in dir alten Schachtel eine Prophetin steckt."
Die Alte murmelte etwas von „dummer Schlingel," --- „alberner Junge" in denBart, und das ist durchaus nicht figürlich zu nehmen, denn ein ziemlich deutlicher, schonüber die Periode des PflaumenS hinweggeschossener Bart — überschattete wirklich ihremageren, zusammengekniffenen Lippen.
„He, Alte, was grunzt du denn? Sag' mir lieber die Zukunft her, könntest denBettel umsonst thun, in Anbetracht unseres so friedlichen Zusammenlebens, aber ich willmit deiner Vorliebe für das Glänzende Mitleid haben, hier ist Geld — nun prophezeihe!"herrschte er ihr übermüthig zu.
Sie sträubte sich Anfangs dagegen, plötzlich schien sie sich eines Bessern zu besinnen.Sie hatte längst bemerkt, wie ungern Georg zurückblieb, welche Sehnsucht nach demlustigen Leben in Prag ihn verzehrte, seine baldige Entfernung paßte in ihre Pläne —und dazu konnte sie jetzt durch ein aufmunterndes Wort beitragen.
Das Kinderwarten und pflegen war ihr bald beschwerlich geworden — es kostete jaso viel Milch, „wer kann wissen, ob der Fremde je wieder etwas von sich hören läßt,und mehr Geld schickt, denn solche Herren haben wunderliche Launen," — calkulirte dieAlte, lieber den Jungen bei der ersten besten Gelegenheit irgend Jemand in die Händeschmuggeln, war doch dann die Summe für das erste Jahr reiner Verdienst. Aber zudiesem Zwecke mußte Georg vorher die Hütte räumen, und so trat sie jetzt schmunzelndauf ihn zu, blickte mit den stechenden rothen Augen lange in die seinen, jugendlich fun-kelnden Augen, dann in die Hand, und sagte mit ruhiger, fast tonloser Stimme:
„Du bist ein keckes, zuversichtlich Blut, hast gar viel lose Streiche gemacht —"
„Alte! mein Sündenregister habe ich nicht gewollt," sagte er lachend, „prophezeihe!denkst wohl an den kleinen Spaß von heut' morgen?"
Die Alte schien den Vorgang vergessen zu haben, denn sie fuhr ruhig fort: „DeinGeschick ist — nicht immer Kindsmagd zu spielen, du wirst bald die lästigen Fesselnabschütteln — die Liebe einer Fürstin gewinnen und sie doch verschmähen, aber reich undangesehen wirst du werden — schwinge die Flügel!"
Sie sagte die letzten Worte mit klangvoller, ungewöhnlicher Stimme, daß sie einmtiefen Eindruck auf den Knaben ausüben mußten. Er stemmte die Arme auf den Tisch