Ausgabe 
29 (3.10.1869) 40
 
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Der Page Georg war nach kurzem Herumstreifen in der Welt ganz ruhig wiederzu BolcSlauS gekommen, mit dem Bericht: »der kleine Ludwig sei bald nach ihrerAbreise gestorben."

Boleslaus sah ihn streng und durchbohrend an:Der Knabe ist nicht todt, daslügst du und wenn cr's wäre, dann trägst du selbst die Schuld und sollst es büßen!"Er streckte die Hand aus, ihn zu züchtigen, da mußte ein anderer Gedanke ihm durchdie Stirn fahren, denn er sagte jetzt ruhig:Georg, das war sehr leichtsinnig; doch,ich will dir verzeihen, unter dem Beding, auch Margareth zu berichten, daß der kleineLudwig todt, sag' ihr, daß er still und freundlich verschieden."

Georg stutzte; in diesem Augenblicke erst fühlte er einen Vorwurf über den Leicht-sinn, nnt dem er die arme Margareth so tief und schneidend verwunden wolle, aber eswar nicht viel Zeit zu besinnen, hier drohte eine strenge Strafe, dort galt es, nur dieLüge zu wiederholen, und er willigte ein, um freventlich in die Brust der Mutter einenGiftpfeil des Schmerzes zu schießen, tiefer und tödtlicher, als es Beide geahnt.

Und was bewog Bolcslans zu diesem Schritt?

Er wollte noch ferner für den Kleinen sorgen, aber dem unaufhaltsam fortnagcndenSchmerz der Mutter ein Ende machen wenn er todt, dann mußte sie über seinenVerlust zur Ruhe kommen, es war ja ein natürliches Unglück, dem sich durch nichts ent-gegentreten ließ, und dann wollte er dem Drängen seiner künftigen Frau, das er bestimmterwarten konnte, ihr den Jungen gleich nach der Hochzeit zurückzugeben, vorbeugen.Jahre mußten erst vorüberrauschen, ehe er diesen Schritt wagen durfte, dieß war seinfester Entschluß und lieber wollte er sie jetzt täuschen, als täglich, stündlich dieß Andrängenum ihr Kind ertragen, dem er doch einschicken nicht stattgeben wollte. Er log sich selbstvor, um so beglückender würde dann für sie die Nachricht sein, daß es noch lebe.Georg, nicht er, war ja in dem Falle nur der Betrüger.

König Wenzel hatte ihre Verbindung erst auf das kommende Jahr festgesetztwelch' lange Zeit, während Margareth, deren ganze Liebe zu ihrem Kinde von Neuemerwachte, fortwährend ihren Verlobten bat, doch jetzt Alles zu bekennen und Ludwig heim-zuholen. Dem mußte, wiewohl auf grausame Weise, ein Ende gemacht werden.

Der Schmerz des jungen Weibes war ein herzzcrschncidender, und BolcSlauSbereute bald seine rasche That, ohne aber in sich die Kraft zu finden, seine Schuld unddie Wahrheit zu bekennen. Oft fehlt selbst kräftigen Charactcren jener Muth, selbst danndie Wahrheit zu sagen, wenn sie uns die von Andern erworbene Zuneigung und Achtungkostet, und man schleppt lieber die Kette des eigenen verdammenden Bewußtseins mit sichherum, erträgt, wenn auch im Innersten gedemüthigt, unverdiente Wcrthschätzung, alsdurch ein offenes Bekenntniß allen Schein und Schimmer über den Haufen zu werfen,und mit Entschlossenheit von Neuem die verlorene Achtung wieder zu gewinnen.

Der junge Bolcslans hatte ein Jahr nach seiner Flucht den Besitz seines verwaistenHerzogthums angetreten, und seine erste That war, wie wir gelegentlich erfuhren, dieBestrafung der Glogaucr Herzöge und Wicdererobcrung eines großen Theils derfrüheren Äesitzthümer.

Jetzt wollte er dem Münsterbergcr Herzoge auf den Leib rücken, der auch noch einfrüher geraubtes Stück Land im Besitz hatte. Die Pläne waren alle geschmiedet, ihmfehlte nur noch Eines Geld dazu, denn er hatte das Sparen und Haushalten niegeliebt, und bei Gelagen und Bautet wurden die Einkünfte des, die Nachwchen dcSTartarcncinsalles noch spürenden Landes leichtsinnig verschleudert.

Gab es gerade keine Fehde, dann begann daheim ein tolles Leben; die Seele desHerzogs mußte sich fortwährend in den Strudel wilder Lust stürzen, um wie er ver-meinte, sich rechtherzoglich" auszutoben. Zwar gab es noch Stunden, in denen inihm der bessere Mensch zurückkehrte, in denen er sich sogar des tollen Treibens schämte;aber Margareih's tief verletztes Gemüth vermochte dann nicht sogleich den Reuigen