Ausgabe 
29 (3.10.1869) 40
 
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freundlich aufzunehmen, und sich zu jener Entschlossenheit aufzuraffen, die zur glückliche»Stunde das Verlorne Herz wieder erobert.

Sie weinte in solchen Momenten still vor sich hin, und fühlte in diesem flüchtigenzu ihr Zurückkehren" erst recht das Herbe ihres Verlustes. Ein erfreutes, glücklichesGefühl würde ihn gefesselt, die halb erstorbenen Gefühle der Zuneigung von Neuembelebt haben, diese weichlichen Thränen, dieser verschlossen stumme Schmerz scheuchten ihnaber schnell zurück und jagten ihn zu neuen, noch wilderen Zerstreuungen.

Er konnte nicht ahnen, welch' wunderbare Veränderung sein liebend Wiederkommenin ihr hervorbrachte. Der Sonne warmer Strahl durchzittcrt den dichten Nebelschleier,und drückt die düsteren Wolken nieder einzelne Tropfen suchen den Weg zur Erde,man zürnt ihnen nicht nur der heftige, aufbrausende Charakter des Herzogs wolltesogleich eine wolkenfreie Stirn, ein klares Auge, auf daß ihn nichts empfindlich an seinschweres Unrecht gcmahue. In diesen Thränen lag kein Vorwarf, es waren nur dieVorboten eines hellen Tages.

Margarcth hatte ihrem Gatten noch einen Sohn geboren, der zu Ehren des Groß-vaters auf den Namen Wenzel getauft, ganz nach dem Vater geartet, ein kecker, derberZunge geworden, und mit seinen wilden Streichen die besorgte Mutter gar oft ängstigte.Die Phantasie führte ihr darum das Bild des verlorenen Ludwig nur um so sanfter undfreundlicher vor die Seele, in ihm würde sie gewiß verwandtere Saiten gefunden haben,doch er war todt und ihr anschlußbedürftiges Gemüth cvnccntrirte jetzt die ganze Liebeauf den noch Lebenden der, obwohl wild und aufbrausend, sich dennoch zärtlich an seineMutter anschmiegte, und wenn er sie weinen sah, tröstend zu ihr mit kindlicher Zuversichtsagte:Weine nur nicht, lieb' Mutter, wenn ich werde groß sein, dann treib' ich Allefort, die dich geärgert haben!"

Und diese Thränen waren immer reichlicher und heftiger geflossen, als eine Fremdesich als Gast und dann als Geliebte in das Herz von Boleslaus Hingeschlichen und ihnvöllig zu beherrschen gelernt.

Es war eine Herzogin aus Croaticn, die ihr unruhiger, rastloser Geist aus ihremVatcrlande getrieben, und die in BreSlau bei ihrer Durchreise mit Boleslaus zusammen-getroffen war.

Die königliche Figur, das brennende, dunkle Auge, der Stolz und die Hoheit inihrem ganzen Wesen imponirten ihm: daö war eine Erscheinung willenSkrästig, starkund entschieden, die jedem Sturm zu trotzen wagte, und so liebte es Boleslaus. Woihm eine entschiedene Persönlichkeit durch schroffes, rücksichtsloses Auftreten Achtung ab-zwang, da gab er im Behagen über solch' keckes Wesen mehr nach, als es sonst seinertrotzigen Natur gemäß, während er gegen Diejenigen, die weich und hilflos sich fort-während unter seinen Willen beugten, immer tyrannischer und härter wurde.

Gegen eine so glänzend üppige Erscheinung mußte in Boleslau's Augen die blaffe,aus weicheren Stoffen geschaffene Margarcth bald in den tiefsten Schatten treten, undwas zuerst Wohlgefallen an dieser kräftigen Frauengcstalt, das loderte bald in heftigerLeidenschaft auf, die von dem verschlagenen, hcrrschsüchtigen Frauenzimmer durch Zurück-haltung noch gesteigert wurde.

Je offener und stärker sich BoleSlauS Liebe zeigte, je größer mußte die Kluftzwischen ihm und Margarcth werden, die den Verlust des noch immer geliebten Mannesnicht verschmerzen konnte, und einsam weinend aus ihrem Zimmer saß, während er imgroßen Saale mit der Croalin bankcttirtc, und der lustige Gesang, die Lcbehoch's fürden schönen Gast bis zu ihr hinüberschaütcn.

Die Croatin übte eine unumschränkte Gewalt auf den Herzog aus. Er, der miteiserner Despotie jeden fremden Willen eingeschüchtert und überall den Tyrannen gespielt,war ihr gegenüber ein willenloses Geschöpf, das, um einen einzigen, freundlichen Blickaus ihren feurigen Augen Alles hinzugeben im Stande war.