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„Ich habe wohl gesehen, wie oft du hierher warfst, mich zu treffen, du nichtsnutzigeRange/' und sie schwang von Neuem die Peitsche.
„Du darfst mich nicht schlagen, du böses, gemeines Weib, du bist schuld, daß dieMutter alle Tage weint, denn du bist schlecht und willst sie nur in's Grab ärgern," —erwiderte trotzig der Junge.
Die Augen der Croatin funkelten vor Wuth, — denn obwohl nur ein Knabe ihrgegenüberstand, fühlte sie sich doch von den so treffenden Worten auf's Tiesste verletzt,und im höchsten Zorn siel die Peitsche auf Wcnzet'S Rücken.
'Sie hob zu einem zweiten Schlag die Penschc, — da stand ihr schon Margarethgegenüber, und griff ihr mit einer heftigen Gebcrde in den Arm.
Das war nicht mehr die sanfte, Alles über sich ergehen lassende Frau, das wareine ganz andere, höhere, wüthigere, das war eine ihr Kind vertheidigende Mutter, dieihr gegenüber stand.
„Wie kannst du, freche Dirne, es wagen, mein Kind zu züchtigen!" donnerte sieder Croatin zu, die — von der ungewöhnlichen Erscheinung verblüfft, vergeblich all' ihreKeckheit aufraffen wollte, und wie ein Schulkind sich entschuldigend bemerkte: „Er hatmich mit dem Ball geworfen!"
„Und das gibt dir ein Recht, ihn zu schlagen? Hinaus mit dir. Elende, die duden Frieden meines Hauses vergiftet und nur tausendfache Qualen über mich gebracht!"
Die schwache Frau schien die große Fremde weit zu überragen, und in dem vollen,siegenden Bewußtsein ihres guten Rechts in den Staub zu drücken. So groß ist dieMacht des Geistes, die in wichtigen Augenblicken selbst über die größte, zügelloseste Masse,wie über den einzelnen, noch so Ungeberdigcn herrscht, wenn sie im Feuereifer all' ihreKräfte auf einen Punkt concentrirt.
Ihr Auge ruhte mir so stolzer Verachtung auf ihrer Gegnerin, ihre Hand wies sieso zwingend und drohend hinweg, daß sie dem geistigen Uebcrgcwicht Margareths gewichenwäre, wenn nicht ein Blick auf die in der Nähe herumstehenden, dem Schauspiel beifälligzusehenden Hoflcute ihren zu Boden gedrückten Stolz und damit die alte Entschlossenheitgeweckt hätte.
Jetzt mußte sich entscheiden, wer Sieger blieb, das fühle sie, und mit den hastighcrvorgcstürzten Worten: „Du triumphirst zu früh," stürmte sie in's Schloß.
Aber auch Margareth ahnte, daß die Entscheidungsstunde geschlagen, daß ein Fort-leiden und Fortdnldcn nicht mehr am Platze, daß eine von ihnen das Feld räumenmüsse, und sie wollte wenigstens in dieser gewichtigen Stunde der Croatin keinen höhernEinfluß auf ihren Mann gönnen, und eilte ihr nach.
Die Croatin hatte BoleslauS in der Rüstkammer zu finden gehofft, so daß Mar-gareth, die genau wußte, wo er sich befand, sogar der Croatin zuvor kommen konnte.
BoleslauS blickte erstaunt auf — sein Weib hier — und in diesem aufgeregtenZustande zu sehen.
Sie eilte liebevoll, wenn auch hastig, auf ihn zu und sagte: „BoleslauS, schütze
mich vor diesem Weibe, die sich erfrecht, unser Kind zu schlagen! Jage sie hinweg oder
ich — dein Weib, muß fort."
Noch konnte sich der Angeredete in das fremde Benehmen Margarcth'S nicht finden,da trat schon die Croatin herein. Hier fühlte sie wieder festen Boden unter den Füßen,und stolz und hochfahrend, wie sie damit bei BoleslauS Alles erzielt, schritt sie auf ihnzu: „Ich komme, dir Lebewohl zu sagen, BolcSkaus!" begann sie mit halb wehmüthigeinschmeichelnder, halb zürnender Stimme. Ich war in deinem Hause ein Gast und dein
Weib hat sich erkühnt, mich zu beschimpfen und wie eine elende Dirne zu behandeln. —
Ich muß Augenblicks von hier hinweg, aber ich werde seiner Zeit Rechenschaft fordernfür diese Schmach."
„Ich weiß ja gar nicht, was eS gibt," entgcgncte BoleslauS verlegen, der jetzt das