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blick zuckte aus ihren Augen, sie war wieder ganz die Löwin, die ihr Junges schützt,und mit schneidender Stimme schlenderte sie ihm die Worte zu:
„Wage nicht, mir mein zweites Kind von der Brust zu reißen."
Es lag so viel Bitteres, — so viel drohend Jmponircndcs in ihren Worten, daßBoleslaus im Bewußtsein seiner Schuld niedergeschmettert schwieg, und ehe er ganzwieder „er selbst" wurde, war Margareth mit ihrem Gefolge schon seinen Augen ent-schwunden.
Betäubt und niedergedrückt ging er zurück, verschloß sich für heute, — finster undmenschenfeindlich, in seinem Zimmer, und ließ selbst die dringend klopfende „Croatin"nicht herein.
Eine Falle der Croatin fürchtend, wich Margareth bald von dem gewöhnlichenWege nach Böhmen ab und suchte durch Niederschlcsicn nach Prag zu kommen.
Da, so nahe dem Schauplätze früherer, tiefer Schmerzen, stieg die Erinnerung anihr geliebtes Kind lebendig in ihrer Seele auf. Sie wollte die alte Hütte wiedersehen,noch einmal etwas vor? ihrem Ludwig hören, und wie der kleine Engel von dieserWelt geschieden.
Sie schlug dorthin den Weg ein; der Platz war nach einigem Forschen gefunden,und um ungestört zu sein, betrat sie, ihren Sohn der Obhut eines alten, treuen Dienersüberlassend, allein die Hütte, die noch heute so morsch und zerfallen wie damals, geradein ihrer Gebrechlichkeit dem Sturm der Zeit getrotzt zu haben schien.
Auch drinnen in der Wohnung hatte sich nichts verändert.
Vielleicht stand das ärmliche Hausgcräth nur bunter übereinander, als ob die Hütteschon seit Wochen nicht mehr bewohnt gewesen wäre.
Ein schwaches Stöhnen aus der an die Stube anstoßenden Kammer lenkte ihre Auf-merksamkeit dorthin und sie trat ein.
Da lag die Alte, bleich und elend auf ihrem Strohlager, halb besinnungslos nndschon mit dem Tode kämpfcnd.
Sie trat dicht an das Bett der Alten, beugte sich über sie hinweg und frug siemit zitternder Stimme: „Kennst du mich noch?"
Die Alte richtete das ausgebrannte trockene Auge auf Margareth, schrack zusammenund erst nach einer langen Weile, wie sich besinnend, erwiderte sie: „Ah, dieKönigstochter!"
„Woher weißt du das? frug diese erstaunt.
„O Kleine, so heimlich du auch thatest, mir entging es nicht. Kommst du nachdeinem Kinde?" frug sie dann lauernd, „hi, hi, das würde Geld kosten."
„Ich weiß ja, daß es todt," erwiderte Margareth mit tonloser, von der Erinnerungdes Schmerzes überwältigtet- Stimme, „aber erzähle nur, wie der kleine Ludwig gestorben,doch rasch, rasch, ehe du mit ihm sein Schicksal theilst."
„Ja so, ganz recht, er ist gestorben," sagte die Alte, als müsse sie an dem hinge-worfenen Faden erst selbst die vergessene Vergangenheit aufsuchen, plötzlich durchkreuzteein neuer Gedanke ihr dumpfes Hirn. Sie konnte ja für die Nachricht, daß der Kleinenoch lebt, von der zärtlichen Mutter Geld erpressen.
In ihren Augen funkelte es noch einmal unheimlich auf und sie keuchzte heraus:„Wenn nun das Kind noch lebte?"
Ein Schauder überrieselte Margareth. Wir können ohnehin nicht an den Toddessen glauben, den wir nicht sterben gesehen, und darum brauste es wunderbar beglückenddurch ihre Brust, sie mußte diesen Worten glauben und doch, dieser Trug von Boles-laus, das wäre zu grausam, zu fürchterlich gewesen — sie frug, um sich zu vergewissern:„Lügst du nicht? O, spotte nicht meinem Schmerz, — zeige mir nicht trügerisch einenHimmel, um ihn sogleich zu vernichten. Wage es nicht, du solltest schrecklich büßen, mitmir dein Spiel getrieben zu haben," fügte sie drohend hinzu.