Ausgabe 
29 (10.10.1869) 41
 
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Nein, ich schwöre dir, Ludwig lebt!"

Weib! bist du toll? sag' mir, wo du ihn hast, ich will ihn suchen, und müßteich die ganze Welt durchwandern."

Aber ich bin arm, du läßt mich hier verschmachten, während ich dich glücklichgemacht," seufzte die Alte kläglich.

Du sollst Alles haben, reich werden, wie du dir's nie hast träumen lassen, über-rede rede! wo ist mein Kind?" rief ängstlich und hastig die Mutter.

Reich werden," krächzte die Alte langsam nach, sie wollte weiter sprechen, aber einKrampfanfall erstickte ihre Stimme und regungslos lag sie eine Weile dort, mit demTode ringend.

Sage wo? wo ist mein Ludwig?" rief die Unglückliche in Verzweiflung undsuchte die sterbende Alte zur Besinnung aufzurütteln, die wirklich noch einmal die grauen >Augen aufschlug und kaum verständlich keuchte.

Also hundert Dukaten erhalt' ich, ist's nicht so? Nein zweihundert Dukaten,welch' schöne Summe."

Aber sprich nur, sprich, du sollst ja Alles erhalten!" drängte Margaret!), dieschon die vernichtende Sense des finstern Todes über der Alten schwingen sah.

Sie wollte sich aufraffen, doch vergebens; immer unsicherer, schlaffer wurden dieBewegungen der Sterbenden, ihre Zunge schien gelähmt, die Finger tasteten au derzerrissenen Decke herum, die Augen begannen sich zu verschleiern es mußte schnellNacht werden, und mir auf den schrillen Angsiruf Margarethe:Du sollst - dudarfst nicht sterben!" schien daS Lcbenslämpchcu noch einmal aufflackern zu wollen, aberbereits war ihr Denken zerrissen, unzusammenhängend, und vorn Arm des Todes um-schnürt, murmelte sie in kurzen Absätzen:

Ja warte es war Freitags Donnerstag nein, richtig eines Freitags,da nahm ich den Jungen er schlief so gut, was die für Augen gemacht habenhi, hi"

Aber wohin? unseliges Weib, wohin schlepptest du meinen armen Ludwig,ich lasse dich nicht sterben, wo ist mein Sohn?"

Zu spät. Die Alte keuchte verworren hervor:Gute Leute das -- im Wagen;"ihre Rede wurde völlig unverständig, ein heiseres,hi hi" blieb noch halb aufden Lippen und die Alte war todt.

Todt todt! mit meinem Sohne todt!" rief Margareth so schneidend klagend,daß es unheimlich durch daö Zimmer zitterte,o, das ist mehr wie teuflisch, aber estaucht mir ein Lichtschimmer auf, ich soll meinen Sohn wiederfinden, wenn auch diesestückische Weib mit dem Geheimniß auf den Lippen stirbt!"

Der Schlag war zu hart für ihre ohnehin von den mannigfachen Qualen zer-marterte Brust. Ein Blitzstrahl schien vernichtend auf sie niedcrzuzucken, und sie sank andem Todteubettc der Alten bewußtlos zusammen.

Als der kleine Wenzel, durch ihr langes Ausbleiben unruhig gemacht, mit denDienstleutcn hcreintrat, erwachte sie endlich aus ihrer Ohnmacht, richtete sich halb in dieHöhe, und schlug ein Helles, erschütterndes Lachen auf:

Du lügst, Alte! sagtest du nicht, du wärest ha, ha ich glaube Niemandmehr, Boleslaus ließ auch meinen Ludwig sterben und er lebt! Alles Alles isteine Lüge! Wie sie so stumm da liegt," fuhr sie zum starren Schrecken der Um-stehenden fort:Lache nicht so tückisch horst du das Gold, wie es klingt? meinSohn mein Sohn ich komme, ich rette dich. Ha, du willst ihn auf den Wagenlegen; nein, nein, ich lasse dich nicht ich vernichte dich denn ich bin eine Mutter!"und sie stürzte auf die Leiche zu.

Ihre Begleitung hielt sie mit Gewalt zurück, man versuchte sie aus's Pferd zu