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„Was kümmert dich Bolcslaus," entgegnete die Croatin warn: und beugte sich nochtiefer über Georg — „wenn ich dich nun bäte, auf jeden Fall — allein zu kommen?"
Ihr Auge ruhte mit einem eigenthümlichen Glänze auf dem schon halb Gefangenen.
„Ich kaun es nicht!" erwiderte sich halb aufraffend Georg.
„Du kannst es ohne Mühe!" — und der volle weiße Arm legte sich um seinenNacken, „fordere, was du willst von mir, ich will dich reich — königlich belohnen^—aber tritt mir den Wurm in den Staub, - wenn . er noch lebt — nur bring' ihnnicht hierher!"
„Fordere Alles," das Wort zuckte dämonisch durch seine Brust, seine Augen blitztenin leidenschaftlichem Verlangen, die Brust hob sich und er erwiderte sich selbst vergessend:„Hab' ich dich verstanden? — nein, du hältst nicht Wort!"
„Zweifelst du?" — sagte die Croatin feurig, und drückte ihn mit leidenschaftlicherGluth an ihr Herz, und einen Kuß auf seine Lippen pressend, flüsterte sie: „Dies istmein Herzogswort, das ich nicht breche."
Wie berauscht und entzückt, versprach er mehr, als die Herzogin selbst gefordert,und schwur, den Knaben aus dem Wege zu räumen, wo er ihn finde.
„Nun, so gehe!" sagte die Herzogin mit vielsagendem Lächeln, und entwand sichseiner Umarmung, geh' und hole dir den Preis -— 1000 Dukaten — nicht?"
„Tausend Dukaten!" entgegnete Georg lachend, und entfernte sich, noch völlig inseine wilden, leidenschaftlichen Träume verloren, um seine Reise augenblicklich anzutreten.
Die Erzählung hatte alte Erinnerungen aufgefrischt, er besann sich der Hüttcn-bewohneriu und jubelte: „Alte Hexe, so hast du doch nicht geschwindelt, und deinProphctcnwort wird dennoch wahr! Es ist doch wunderlich, daß ein solch' altes Dingsmehr weiß, als ich mir je habe träumen lassen. — Gelingt mir nur der Streich, werdeich ihr Günstling, dann bin ich mehr als Graf. Bolcslaus! — dann bin ich Herzog!"
(Fortsetzung folgt.)
Ein Verbreche«, das sich selbst rächt.
Folgende ächt russische Geschichte hat sich unter der Regierung des Czar Nikolauszugetragen.
Ein großer Herr, mit einer wichtigen Mission nach einer der Städte des russischenReiches entsendet, hatte dortselbst in einem der ersten Hotels Wohnung genommen. —Man weiß, wie die Gemächer der Hotels beschaffen sind. Eines sieht dem andern gleich.Eine dünne Wand trennt sie von einander, aber das hindert nicht, daß man Alles hörenkann, was im Ncbcugemache vor sich geht. Der obbcsagte große Herr bewohnte einesdieser Gemächer. Er hatte eine gehcimnißvolle Nachbarschaft. Der Nachbar kam undging Tag für Tag zur gleichen Stunde, mit der Pünktlichkeit eines Chronometers. —Das machte den großen Herrn neugierig. Er hatte bald heraus, daß der Nachbar ein
Jude war. Zwischen der Neugierde und dem Spioniren lag nur — das Schlüsselloch.
Unser großer Herr legte also sein Auge an das Schlüsselloch der Thüre, welche die beidenZimmer mit einander verband. Er sah, wie der Nachbar Jude, nachdem er vorher sorg-fältig untersucht hatte, ob er allein sei, in den Alkoven trat, wo das Bett stand und
von dort ein Kästchen holte, welches, nach der Anstrengung zu schließen, die das Tragendesselben dem Juden verursachte, ziemlich schwer sein mußte. Der Jude stellte dasKästchen auf den Tisch. Er blickte noch einmal furchtsam und mißtrauisch nach allenSeiten um sich Dann öffnete er das Kästchen und nahm ein — zweites Kästchen ausdemselben. Aus dem zweiten kam ein drittes Kästchen zum Vorschein. Dieses letztereöffnete der Jude unter denselben Vorsichtsmaßregeln wie die vorhergehenden. Die Blickedes Juden versenkten sich in das dritte Kästchen und betrachteten mit gierigem Ausdruckden Inhalt desselben. Den Blicken folgten die Hände und durchwühlten das Kästchenmit fieberhaft zitternder Hast. Endlich kamen sie wieder aus dem Kästchen hervor und