Ausgabe 
29 (17.10.1869) 42
 
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willigte er gerne ein und that dem Essen tüchtig Bescheid, daß er sich damit selbst dieZufriedenheit der Hausfrau erwarb, denn bekanntlich wollen diese guten Seelen, daß manzu ihren freundlich bereiteten Speisen stets einen guten, für ihre preiswürdige Thätigkeitempfänglichen Magen mitbringt.

Das junge Mädchen saß Georg gegenüber und konnte nicht genug den feinen Hof-mann bewundern, der ja ganz dem Phantasiegebilde entsprach, das sie sich von einemsolchen entworfen.

Die feine Haltung, das interessante, kecke Gesicht mit dem zierenden Bart, daseinschmeichelnde, freundliche Benehmen, übten auf das junge, unbefangene Herz eineneigenen Zauber aus.

Auch Georg fühlte sich unwillkürlich in dieser so fremden, neuen Welt recht heimisch,

denn selbst für sein im Hofleben vergiftetes Gemüth mußte dieses ruhige und harmlose

Familienleben etwas Wohlthuendes, und das junge Mädchen, diese Unschuld und Natur,etwas ungemein Fesselndes haben.

Er sagte, daß ihn wichtige Geschäfte in Sprottau zurückhalten würden, und bat sich

die Erlaubniß aus, wiederkommen zu dürfen, weil er hier im Orte völlig fremd und nur

bei solch' wackeren, biederen Leuten sich heimisch fühlen könne.

Der Schmied hatte gleiches Interesse an Georg gefunden und schlug herzlich in dieihm von diesem dargebotene Hand, mit der Bitte, so oft wieder zu kommen, als es dieGeschäfte immer erlaubten.

Wie würden die guten Sprottaucr auf ihn sehen, daß der Vertraute eines Herzogsmit ihm verkehre ihn besuche, das kitzelte doch seinen Rathsherrnstolz!

Das junge Mädchen nickte ihm so freundlich zu, als er vom Wiederkommen sprach,daß er fühlen mußte, er wäre dem guten Kinde wirklich angenehm.

Nur Ludwig schien von dem Fremden nicht erbaut, er konnte sich das augen-blicklich entstandene Gefühl der entschiedensten Abneigung nicht erklären, aber ihn durch-zuckte eine Ahnung, als müsse von diesem so freundlichen Menschen ihm recht Schmerz-liches begegnen. Diese glatten, einschmeichelnden Manieren behagten seinem offenen,geraden Wesen auf keinen Fall, und diese unruhigen Augen, die so beobachtend auch aufihm geruht, hatten etwas Tückisches, hinter denen nichts Gutes lauern konnte.

Aber bei dem allgemeinen Lobe des Fremden mußte er mit seinem nüchternenUrtheil zurückhalten, um nicht die Uebrigen zu verletzen, denn er fühlte wohl, daß nichtsunangenehmer berührt, als auf Enthusiasmus und Voreingenommenheit solche kalte, diegute Meinung zerschneidende Ansicht. Wir lassen uns nicht gern unsere Götzenbilder inden Staub werfen und zerschlagen, selbst von unseren besten Freunden nicht.

Der Fremde kam wieder und immer wieder, und wurde zuletzt der tägliche Gastdes Hauses, zur nicht geringen Qual des armen Ludwig, der zugleich die wachsendeNeigung Ulrikcn's zu dem Fremden sah und dennoch nicht wagen durfte, dagegen war-nend aufzutreten. Was hatte er für einen Grund? Nur sein eigenes, unbehaglichesGefühl; konnte das der Thatsache gegenüber Stand halten, daß Georg eine angenehme,freundliche Erscheinung war, die Vertrauen zu erwecken verstand?

Und Ludwig liebte mit der ersten Wärme aufkeimender jugendlich schwärmerischerLeidenschaft Ulriken; erst seitdem der Fremde störend zwischen sie getreten, war ihmdie ganze Gluth und Fülle seiner Gefühle so recht klar und bewußt geworden.

Sie war ja von Kindheit auf in seine Seele gewachsen, der freundliche Genius,der sein sonst dunkeles Leben erleuchtet, und wie oft auch kühne Traumbilder ihn weithinausgeführt in die bunte, phantastische Welt, ihm Bilder voll Ruhm und Glück vorge-gaukelt, glücklicher und ruhiger fühlte er sich jedoch, wenn er sich an der Seite Ulrikcnsdachte, und in stiller, harmloser Beschränktheit in den lieben, alten Räumen ein freund-liches Stillleben träumte.

Ihrer Liebe glaubte er früher gewiß zu sein. Sie hing mit voller Innigkeit an

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