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ihm, er mußte ihr überall rathen und helfen, er war der Gegenstand ihrer kleinenNeckereien und Späße; so recht lieb und traut schloß sie sich an den Jüngling, — demdiese Unbefangenheit hätte lehren sollen, daß gerade dieses Zeichen auf ein mehr derFreundschaft, als der Liebe verwandtes Gefühl schließen lasse.
Wohl war der Pflegevater etwas stolz, aber doch, Ludwig galt für seinen Liebling,und gegen ihn war der herrische Mann stets lieb und freundlich gewesen.
Und die Mutter? An ihr hatte er längst bemerkt, daß ein Zusammcnthun derbeiden Kinder sogar ein Lieblingsgedanke von ihr sein müsse, denn in manchem Wortund Blick ließ sie etwas davon hindurchschimmern.
Sie war zu verständig, um nicht eine solche Verbindung recht passend zu finden,und dann einen kleinen Nebenzweck würde man in den Falten ihres Herzens doch auf-gespürt haben.
Sonderbar von der sonst ruhigen und verständigen Frau! Den Gedanken, daßLudwig möglicher Weise dennoch ein wilder Sprößling ihres Mannes sei, konnte sie,obwohl sie ihn hartnäckig und klug verschwieg, nicht los werden; so begünstigte sie dasVerhältniß der jungen Leute, das die Sache am ehesten zum AuStrag bringen müsse. —War ihr Mann schuldig, dann konnte er in die Verbindung nicht willigen, dann mußteer bekennen.
Welches Hinderniß zu seinem Glücke stand Ludwig noch entgegen? Keines, wennGeorg nicht gekommen.
Ulrike wurde immer mehr von dem glänzenden Auftreten des Gastes geblendet,und wenn sie auch Stunden hatte, in denen eine wärmere Neigung für Ludwig sichgeltend machte, so waren diese zu kurz, um dem Einflüsse Georg's die Waage zu halten.
Es waren gewöhnlich diejenigen Stunden dem Jugendfreund günstiger, in denen siemit ihm in der Laube des kleinen Gartens saß, und Ludwig mit seiner klangvollen,melodischen Stimme jene Lieder sang, die er von einem wandernden Sänger in Muse-stunden gelernt.
Ulrike horchte dann aufmerksam zu und schien sich in diese Melodien tief hincinzu-senken. Die frische, blühende Gestalt, das schwärmerisch zum Himmel schauende AugeLudwig's hatten einen wunderbaren Zauber, es lag so viel Poesie darin, es war dasRingen eines edleren Geistes aus niederdrückenden, unpassenden Verhältnissen, und daswirft stets einen eigenthümlichen Glanz über solche Charaktere und weckt unser Interesse.
Er wußte vielleicht selbst nicht, was in ihm lebte und wogte, aber oft wurde ihmdie dunkle Schmicdewerkstatt zu enge und dann sehnte er sich hinaus, einem Phantomnachjagen zu können, das in unsicheren Umrissen vor seiner Seele stand!
Waren es die wiederkehrenden Kindcrträunie, war eS ein echter, unverfälschter Quellseines Herzens, der sich unwiderstehlich Bahn brechen mußte — er wußte es nicht!
Wohl hatte Ludwig eine Hand auf seiner Brust, — aber sie zeigte ihn auf seinemdunklen Lebenswege nicht zurccht, und bald behielt die glänzende Erscheinung des GastcSbei Ulrike völlig die Oberhand.
Georg war ja noch immer eine stattliche Figur und jetzt in der ganzen Fülle seinerManncskraft, und gerade diese üben auf junge Mädchen einen besonderen Zauber aus,weil sie dort die kräftigste Stütze zu finden meinen.
Georg hatte an dem lustigen Hofe Bolcslaus die Welt und Menschen genugsamkennen gelernt, aber die Kunst, Weiberhcrzcn zu gewinnen, — war ganz besonders dasweite Feld seiner früheren Thätigkeit gewesen.
Jedoch der Abstand zwischen all' den lustigen, übermüthigen Weibern bei Hofe unddieser reinen, unverfälschten Natur konnte selbst einem Hofmanuc, wie Georg, nicht ver-borgen bleiben, und wo er überall nur gescherzt und getändelt, leichtsinnig von Blumezu Blume geflattert, so fühlte er jetzt zum ersten. Mal alles Ernstes sein Herz gefesselt.Ihr heiteres, glückliches Wesen hatte etwas unendlich Wohlthuendes, er fühlte sich in ihre