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Schadloshaltung für die gehabten Kriegskosten mit überlassen war, siedelten sich vieleSchweden in Bremen an. So u. a. eine schwedische Gräfin, welche, da sie kinderlosund ohne Verwandte zu hinterlassen, starb, im Bleikellcr beigesetzt wurde; die ehrwür-digen Züge der Matrone sind von mildem Frieden übergössen. — Außerdem erhebt sichinmitten der Krypta ein verschlossener Steinsarkophag, der die Gebeine des 1730 entschla-fenen schwedischen Kanzlers Georg Bernhard von Engelbrcchten birgt.
Eine sünste Leiche, welche fast 200 Jahre im offenen Sarge im Bleikellcr schlummert, istdie eines im Duell erstochenen Studenten. Ein Stoß in den Hals machte dem jugend-frohcn, übermüthigen Leben ein jähes Ende.
Da später die Herzogthümer Bremen und Verdcn durch Kauf an Churhannover über-gingen (1715), dessen Herrscher zugleich Könige von England waren, nahm manche bri-tische Familie ihren Aufenthalt in der reichen und schönen Stadt Bremen . So kamendorthin, um nicmchr zu scheiden, eine englische Gräfin und ein englischer Major, jeneruht 130, dieser 110 Jahre lang in der merkwürdigen Todtengruft. — Vor 99 Jahrenendlich setzte man darin noch die Leiche eines alten Ärbcitsmanncs bei, um zu ermitteln,ob der Keller seine seltsame Eigenschaft so viel Jahrhunderten zum Trotz bewahrt habe.Der Todte trocknete ein, ohne zu verwesen. — Zu diesem Experiment mußte man dieLeiche eines solchen nehmen, der vereinsamt gestorben war; es hat sich bisher noch keineFamilie bereit finden lassen, die leblose Hülle eines ihr Angehörigen der Gruft anzuver-trauen. Nur mit den Körpern todter Hunde, Vögcl und anderer Thiere hat man jüngstVersuche angestellt, welche dargethan haben, daß der Keller seine ausdörrende Kraft nochnicht verloren hat. Sechs Wochen — und ein solches Thier scheint wie aus Pergamentgemacht, ohne daß man indeß die Eingeweide herausgenommen oder sonst eine künstlicheManipulation angewendet hätte. Auch schrumpft die Leiche nicht etwa auffallend ein.Bei den Jahrhunderte lang in ihren Särgen Ruhenden ist fast noch die ganze Fülle desFleisches vorhanden, nur gebräunt und ganz hart. Das sie einhüllende Linnen ist indeßdurch die Macht der Zeit in Staub zerfallen und muß bisweilen erneuert werden. DieLuft in dem Keller ist nicht im Geringsten modrig oder verdorben. — Der Temperatur-grad bleibt sich Winter und Sommer ziemlich gleich; etwa I- 12" I(.
Alle diese Seltsamkeiten erscheinen noch auffallender, wenn man erfährt, daß derjenigeRaum, welcher gegenwärtig „Bleikellcr" heißt, die Leichen erst seit einigen Decennienbirgt, während der eigentliche Bleikeller — eine absonderliche Verwerthung der Kryptaeiner im gottesdienstlichen Gebrauche befindlichen Kirche! — seit eben so langer Zeit alsWeinlager vermuthet ist.
Neben den beschriebenen Leichen sind noch Ueberrcste uralter Särge aufgestellt, welcheman bei dem Bau der neuen Börse zu Bremen tief unter der Erde gefunden hat.Archäologischen Forschungen zufolge stammen sie aus der Zeit Willehads , des ersten, vonCarl dem Großen 788 eingesetzten Bischofs von Bremen .
Es gewahrt einen unvergeßlichen Anblick, bei dem in der Krypta herrschendenDämmerlicht jene acht stummen Zeugen vergangener Jahrhunderte so vcrhältnißmüßiglebensvoll vor uns zu sehen. Werden wir schon in jedem Todtcngewölbc ernst gestimmt,erinnern schon die verschlossenen Särge an die Vergänglichkeit alles Irdischen —> so isthier, wo durch die erloschenen Augen, die welken Lippen gleichsam der Tod selbst zuunö spricht, der Eindruck überwältigend.
*L. Eine Grabschrift in dem alten Gottesacker in der Westen zu Eich stattlautet wörtlich also: „Am 22sten Januar 1802 starb allhicr im 82sten Jahr ihresAllekw Jungfrau Maria Sophia Köttnerin von Titting im Eichstättischen, diente zurZeit der verewigten Kaiserin Maria Theresia beim K. K. Infanterie-Regiment vonHagcnbach beinahe 6 Jahr als Gemeiner und Korporal, und bezog deßhalb vondaher eine monatliche Pension von 8 fl. 20 kr."