Ausgabe 
29 (31.10.1869) 44
 
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nützig gewesen, indem er sich mit sicherer Gewandtheit den Löwenanteil, die irnherbesessenen Ländcreicn angeeignet.

Damit war dem ewigen Hin- und Herzerren, diesem fortwährend au? den Händen«reißen klüglich ein Ende gemacht.

Heinrich blieb dann, durch die Freundschaft Wenzels geschützt, im ruhigen Besitz derwiedcrerworbcnen Lande, während, wenn er auf andere Weise zu deren Besitz gelaugt,die Fehde nimmer ein Ende gefunden hätti.

Das war Alles in dem scharfsinnigen, gewiegten Kopfe des Herzogs reiflich überlegtworden, und nach diesem streng vorgezcichncten Plane mußte gehandelt werden.

Stimmten nun diese Pläne und Berechnungen mit den Wünschen und Gedanke»der Betheiligten wirklich übcrcin?

Der trotzige, wilde Jüngling Wenzel war noch derselbe, der er als Knabe gewesen.Reiten, Fechten, und alle die ritterlichen Uebungen sagten seinem unruhigen Geiste ammeisten zu, nur tag in seinem ganzen Treiben etwas Exzentrisches, eine Hast und Unruhe,die stets mit Leidenschaft etwas schnell ergriff, um es eben so schnell wieder fahren zu lasten.

Hcdwig war ein Paar Jahre jünger als Wenzel, aber schon eine völlig entwickelte,hochaufgeschossene Jungfrau, und wer die Beiden zusammen gehen sah, der mußte unwill-kürlich ausrufen:Ein schönes Paar."

Welcher Stolz und Adel lag auf diesem schönen, fein geschnittenen Antlitz, welch'jugendlich begeistertes Feuer blitzte aus ihren Augen'. Auf ihrer Stirn thronte ein reiches,wunderbar entwickeltes Denken, und eine königliche Hoheit, die unwillkürlich Achtungabzwang, lag in ihrer ganzen Haltung, nur gemildert durch jene ächt weibliche Grazie,die allzustrenge Formen stets zart und duftig verschleiert.

Es war ein mit Wenzel verwandter Fenrrgeiü. Dieselbe Thatenlust, dasselbeStreben nach Außerordentlichem, Ungewöhnlichem, derselbe unbeugsame Trotz in demFesthalten des einmal Erfaßten, das Alles waren Tugenden, würdig eines männliche»Geistes, und wenn der Herzog die Beiden auSreitcn sah und Hedwig iin kecken llebermuthmit Bolcslaus um die Wette dahin sprengte, murmelte er wohl auch selbstgefällig vorsich hin:Ein schönes Paar, wie für einander geschaffen."

Und doch, eben ihre so bewundernswürdige Achulichkeit in ihren Neigungen undihrem Charakter bildeten eine Kluft, die sie über Kurz oder Lang für immer trennen mußte.

Wenzel fühlte dies nicht. Sein jugendlich erregtes Auge sah nur in ihr das Weib,wie es eines Ritters würdig, die einstige Genossin seiner Thaten; mit abgöttischer Ver-ehrung hing er an der Frühgeliebtcn und sein heißester Wunsch war es, sie sein nennenzu können, sobald es der Vater oder das Schicksal irgend zuließ.

Hedwigs klarer, gedankenvoller Geist blickte tiefer. Sie ahnte bereits, daß Wenwlihr niemals etwas Anderes werden könne, als ein theurer Bruder, weil sie in ihm nichtjene Saite fand, die trotz ihres etwas überkräftigcn.Gebahrciis dennoch tief und zart inihr nachklang, die des Gemüths.

Sie harte in frühester Jugend von einem Sänger ein Gedicht gehört, in dem eineKönigstochter einen armen Knappen mit ihrer Liebe beglückt und zu sich hinaufzieht. Dashatte wunderbar in ihr nachgeklungen und beschäftigte noch heute ihre Phantasie.

In ihrem stolzen, hochwogenden Herzen lag dieselbe Sehnsucht, sich einst tief hinab-zubcugcn und den Niedersten durch ihre Hand zur Höhe zu ziehen. Dieser künftigeGlückliche sollte ihr Alles danken, in ihr ein gütiges Schicksal verehren, von dem er Lichtund Wärme erhielt.

Hedwig hatte bisher Niemand gefunden, der diesem Traumbild geglichen, denn vorAllem forderte sie von ihrem künftigen Geliebten jene Beweglichkeit des Geistes, die zumBesteigen eines Herzogsthroncs befähigte. Da hätte es ja etwas dem Vater und allerWelt abzutrotzen gegeben, uud das liebte ihre, mit jugendlicher Begeisterung alle Fessel»abstreifende Seele