Ausgabe 
29 (31.10.1869) 44
 
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Sie war lange, da ihre Mutter früh verstorben, die einzige verzogene Tochter desHerzogs geblieben, und so hatte sie sich früh daran gewöhnt, überall als Herrscherinaufzutreten.

Später freilich war sie vielleicht zurückgesetzt und kühler behandelt worden, alsHerzog Heinrich noch einmal heirathetc, aber auch diese zweite Frau starb schnell hinweg,nachdem sie ihm zwei Knaben hinterlassen, und so wandte sich die Liebe des Herzogsbald von Neuem seinem früheren Liebling zu und hielt sich leider nicht in jenen Schranken,die zu einer vernünftigen Erziehung erforderlich.

Hätte der Herzog ahnen können, welch' phantastisch Gedankenspicl sich hinter dieserhohen Stirne regte, er würde aus seinen süßesten Träumen aufgeschreckt worden sein undhätte Vorkehrungen zu ihrer Abwehr getroffen.

Das waren die Personen, mit denen Ludwig zu verkehren hatte.

Der Herzog behandelte die Abgesandten, besonders den jungen Feldhauptmann, mitgroßer Aufmerksamkeit.

Letzterer hatte ein angeborenes feines Taktgefühl, das ihn im Umgänge stets dasRechte treffen ließ, und dies erwarb ihm rasch des Herzogs ganze Hinneigung, die zuletzteine solche Wärme annahm, daß ihn der Herzog nur ungern von der Seite ließ.

Hcdwig schien Anfangs ihre übermüthige Laune auch an dem neuen Gaste ausübenzu wollen, begegnete aber einem so feinen, undurchdringlichen Widerstände, daß ihr Blickzum ersten Male mit einer gewissen achtungsvollen Scheu auf einem Manne ruhte.

Die Rüstungen des Herzogs wurden mit großem Eifer betrieben, überall Schaarengeworben und ganz Glogau zu einem einzigen Waffenplatzc verwandelt, denn nur bis audie Zähne gewappnet von einem tüchtigen Heere gefolgt, wollte der Herzog dem Bricgcrden Fehdehandschuh hinwerfen, und eine solch' ungewöhnliche Rüstung erforderte vielZeit und Geld.

Ludwig hatte dabei vollauf zu thun und da seine Gegenwart hier nöthiger war, alsbeim Münstcrberger, so blieb er auf die Einladung des Herzogs so lange dort, bis sichdas Heer selbst in Bewegung setzen und zu den Verbündeten stoßen konnte.

Nur die Abendstunden waren noch sein, in denen er im Park herumschweifte, odersich ermüdet auf eine Bank des Schloßgartens warf.

Dort fand er eines Abends eine Laute. Welch' schmerzliche Erinnerungen wecktenicht in ihm das Instrument! Er gedachte der Zeit, wo er Ulriken vollen Herzens seineschönsten Lieder vorgespielt und doch nicht ihr eitles Herz bewegt.

Unwillkürlich langte er nach dem Instrument und griff einige Akkorde, die sich baldzu einem jener Lieder aus früherer Schmcrzcnszeit gestalteten.

Ganz in seine Träume verloren, gewahrte der Spielende nicht, daß er einen auf-merksamen Zuhörer erhalten.

Hedwig, die in weichen Stunden gern auf diesem Instrument spielte, hatte es dortam Nachmittage liegen lassen und kam jetzt, die Laute wieder zu holen.

Sie war überrascht, den Gast ihres Vaters, den sie nur für einen tüchtigen,anspruchslosen Kriegsmann gehalten, diese schöne Kunst ausüben zu sehen und bliebschweigend in der Nähe stehen, um mit ganzer Seele diese Töne cinzusaugen.

Endlich sah Ludwig auf und bemerkte die lauschende Hcdwig.

Bestürzt wollte er sich entfernen, aber diese vertrat ihm den Weg und sagte:Onein, so entgeht man mir nicht! Das Lied hat mich Alles gelehrt, ich kenne jetztunseres Gasteö Kummer."

Er mußte lächeln, obgleich es ihm unangenehm war, sich vor diesem brauscköpsigenMädchen in einer solch' weichen Stimmung gezeigt zn haben.

Doch diese beseitigte seine Verlegenheit, indem sie von ihrer Vorliebe für Musiksprach, und bald hatten sich die Beiden in eine trauliche, gemüthanregcnde Unterhaltunghineingeplandert.