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Ludwig bemerkte mit Vergnügen, daß in diesem anscheinend so übcrkräftigen, mann»lichcn Frauencharaktcr dennoch alle zarten Saiten eines ächten Weibes schlummerten, dieächt und melodisch wiedcrklangen, wenn sie eine geschickte Hand berührte.
Alle Abend brachten von nun an die Beiden mit Spiel und Unterhaltung zu, wasdem scharfblickenden Wendel Anfangs lächerlich und albern, später aber verdächtig erschienund seine Eifersucht erregte.
Der fremde Hauptmann hatte dem jungen Wenzel wegen seines ritterlichen, beson-nenen Benehmens in der ersten Zeit Achtung abgezwungcu, aber von seinem Lautcnspiclhörend, meinte er verächtlich: „Der Teufel hole alle Musik, die nicht zum Schwerter-tänze führt, wer die Laute schlägt, muß Unterröcke tragen."
Eines Tages ritt der Herzog mit seiner Tochter, Ludwig und dem jungen Müuster-bergcr spazieren.
Wenzel hatte sich unmuthig von der Partie ausgeschlossen. Man kam in den ent-legenen Theil des Parkes. In der Ferne schimmerte ein Jagdhaus mit einem kleinenThurm. Sie kamen näher und sahen, wie Plötzlich auf der Plattform desselben eineweiße Frauengcstalt erschien.
„Mein Gott !" — rief ängstlich Hcdwig, „das ist Margareth, die ihrer Wärterinentsprungen sein muß."
Und der Herzog fügte erläuternd hinzu: „Das ist Bolcslaus unglückliches Weib,die nicht eher Ruhe hatte, bis ich ihr dies Haus eingeräumt; hier scheint sie noch amehesten Frieden zu finden, die Waldesstille thut ihr wohl "
„Ich hörte, sie wäre längst todt," bemerkte Ludwig.
„Ja, für die Welt," war die Antwort, „und ist sie nicht wirklich todt? Ihr Geistist ja unheilbar verwirrt."
Man sprengte auf das Gebäude zu, um ein Unglück zu verhüten.
Aller Blicke wandten sich ängstlich auf die dort oben wie ein Irrlicht herumgaukcludeErscheinung. Aber kaum war man dicht herangekommen, da — vielleicht aufgeschrecktdurch das Geräusch der Kommenden — streckte sie ihre Arme aus und schwang sich überdas schwache Geländer in die beträchtliche Tiefe.
Hedwig rief jammernd aus: „Sie ist verloren!" Und das gleiche Wehe durch-zuckte die Anwesenden, deren Augen sich unwillkürlich auf den Boden richteten, wo dieAermstc, blutig, verletzt und verstümmelt, wenn nicht entseelt, liegen mußte.
Doch nein — noch war sie nicht verloren, wenn auch bereits der Abgrund dessichern Todes vor ihrem Auge gähnte.
Ihr Kleid war an einem äußeren Haken des Geländers hängen geblieben, und soschwebte sie über dem Abgrund, jeden Augenblick in Gefahr, daß der dünne Stoff völligreißen und sie rettungslos in die Tiefe schicken konnte.
„O Gott, noch ist es nicht zn spät," rief Hedwig aus, „um des Himmels willenrettet mir die Unglückliche!" Und sie eilte in beflügelter Hast, von ihrem Vater und demMünsterbergcr HcrzogSsohne gefolgt, in das Gebäude, während Ludwig schnell entschlossenmit Gewandtheit an den vorspringenden Ecken dcd Thurmes hinaufkletterte, und zu der-selben Zeit auf dem höchsten Absatz desselben festen Fuß fand, — als die Unglücklicheherabzustürzen drohte.
Er nahm sie in seine Arme, sie schien davon zusammen zu zucken und zur Besin-nung zu kommen; das sonst so verstörte, verglaste Ange ruhte mit einem eigenen, wieder-gekehrten Lichtschimmer auf Ludwig, der sie mit Hilfe der jetzt oben auf der PlattformAngekommenen über das Geländer hob und sich dann ebenfalls darüber schwang.
Der Herzog dankte dem Netter in freundlichen Worten für seinen rasch gewagtenBeistand, aber mehr wie dieses lohnte ihm ein einziger Blick aus Hedwigs dunklem Augefür feine kühne That.
Sie hatte an der unglücklichen Margareth das lebhafteste Interesse genommen uiid