Ausgabe 
29 (7.11.1869) 45
 
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Aro. 45.

7. Novbr. 1869.

Augsburgev

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Der Größe Mißbrauch ist, wenn von der MachtSie das Gewissen trennt.

Shakespeare, Julius Cäsar , Akt 2. Scene 1.

Die Hand.

(Fortsetzung.)

.Sie glaubt, ihren Sohn wieder gefunden zu haben," sagte mitleidig der Herzog,.armes Weib!"

,Ja, armes Weib, mit ihrem liebreichen, gebrochenen Mutterherzen!" seufzte Hedwig.

Ludwig erschien dies Alles fremd und räthselhaft, bis ihm der Herzog durchErzählung all' jener düstern Ereignisse, so weit sie ihm selbst bekannt, den lösendenSchlüssel dazu gegeben.

Margareth war ruhiger geworden, als man heruntergestiegen. Sie wurde auf einBett gelegt, wo sie bald in einen wohlthuenden Schlaf fiel. Als man anderen TageSsie besuchte, schien sie den ganzen Vorfall vergessen zu haben, und starrte gedankenlosauf die Kommenden.

Wie nahe schlugen sich die beiden Herzen! Hätte der freundliche Zauber bis heutebei Margareth angehalten, dann würde dieser so sonderbare Umstand Aufsehen gemachtund zu der glücklichen Entdeckung geführt haben, daß die arme Margareth in ihremdüstern Traumleben dennoch so licht und scharf gesehen, um das Herz ihres Sohnes ineinem wunderbaren, durch ihre Krankheit geschärften Instinkt herauszufinden.

Ludwig hatte sich zwar in den letzten drei Jahren bedeutend verändert, die weichen,träumerischen Züge waren fest und dem Schicksale trotzend geworden.

Ein voller Gart umrahmte sein Gesicht und doch war immer noch Ähnlichkeitgenug mit Margareth vorhanden, die den durch das Benehmen derselben aufmerksamGewordenen nicht entgehen konnte.

Man würde dann nach Ludwig's früheren Schicksalen gefragt haben und das ent-deckte Mal hätte Margareth die beseligende Ueberzeugung bringen müssen, daß ihreSehnsucht gestillt und sie ihren Sohn wieder gefunden habe.

Ihr heutiges Zurücksinken in die alte Nacht sollte die beiden sich so liebend suchendenHerzen noch lange trennen, denn ihr gestriges Benehmen konnte man nur für einekrankhafte Erregtheit halten, die, ohne tiefere Bedeutung, eben so rasch verschwunden,wie sie entstanden.

Ihre Nacht wird sich wohl nie aufhellen," bemerkte Hedwig nicht ohne Schmerz,.und doch gestern schien es wie ein erlösender Lichtstrahl durch ihre Seele zu zucken,«nd daß dieser Lichtfunkc wieder spurlos vorübergegangen, scheint mir ein schlimmes Zeichen."

Aber, wenn auch dies so spurlos an Margareth vorübergegangen, in Hcdwig'sHerzen hatte es sich um so tiefer eingelebt.

Diese rasche entschlossene That im drängenden Augenblick hatte ihr wieder ganzandere Seiten in dem Charakter Ludwig's enthüllt.

Er schien sonst gar so besonnen, so zögernd, und doch, wie anders wie rasch«nd kühn hatte er hier gehandelt, und wo wir mit unseren Vorurtheilen aus dem Feldegeschlagen werden, da ist die nachhcrige Verehrung um so größer, denn wir haben ja,wenn auch nur heimlich, gethanes Unrecht gut zu machen.