356
dem verlaufenen Burschen treibe, und sie würde gewiß wieder zu ihm zurückkehren, derihr ebenbürtig und seit der Kindheit Tagen ihr als Mann bestimmt.
Hcdwig bemerkte jetzt zuweilen einen spähenden Blick ihres Vaters, der ihr stolzes,offenes Herz wie ein Messer durchzuckte und sie zu dem Entschlüsse drängte, lieber sogleichAlles auf einen Wurf zu setzen, als sich überwacht und beobachtet zu sehen.
Eines Abends, als sie mit ihrem Vater allein in seinem Zelte saß. eröffnete sie ih»ihr Herz und bekannte ihm ihre tiefe, unauslöschliche Liebe.
Sie hatte Aufbrausen, den heftigsten Widerstand erwartet und war erstaunt, ihre»Vater bei dieser Eröffnung so ruhig, ja fast gütig zu finden. Sie schob es auf seineDankbarkeit gegen Ludwig und auf das Versprechen, ihm eine Bitte, selbst die kühnste,zu erfüllen.
Aber der schlaue, gewandte Herzog dachte nicht daran, er kannte nur den Charakterseines Kindes viel zu gut, um nicht zu wissen, daß ein schroffes Ankämpfen gegen ihrenWillen gerade ihren entschlossensten Trotz hervorrufen würde, und er liebte allzusehr sei»Kind, um einen solch' hartnäckigen, vernichtenden Kampf heraufzubeschwören.
Den Unwillen über diese tiefe Verirruug verbergend, und als ob es nur die EhreHedwigs erheische, erwiderte er freundlich: „Nein, H^wig, noch verdient er nicht eiucrHerzogs - Tochter Hand, er mag durch irgend eine kühne That beweisen, daß er deinerwürdig ist."
Eine solche Idee mußte in Hedwig's romantischem Kopfe sogleich lebhaften Anklangfinden, und sie erwiderte begeistert: „Ja, das wird Ludwig, er ist eine edle Natur, diemuthig nach der höchsten Palme ringt. Schon längst ist er dieses entschcidungslose«Kampfes müde, und wen» er diese That vollbringt, Vater — dann?"
„Dann ist er deiner würdig!"
„Dank, herzinnigen Dank, — mein Vater, doch halt — bestimme, welche Thatdu meinst!"
Der Herzog schwieg einen Augenblick und starrte sinnend vor sich hin.
Endlich sagte er gedehnt und mit Betonung: „Nun denn, er mag mir BolcSlauStodt oder gefangen bringen."
„Das ist abenteuerlich, das kann er nicht; was dir mit deinem ganzen Heer nichtgelungen, soll der Einzelne ausführen?"
„Sticht?! — dann ist er ein gewöhnlicher Mensch, der deiner nicht werth!"
„Aber das Unmögliche vermag er nicht zu leisten!"
„Das Höchste muß vollbringen, wer nach dem Höchsten trachtet!"
Hcdwig blickte einen Augenblick fest auf ihren Vater, als wolle sie seine innerstenGedanken erforschen, — und als sie seine unerschütterliche Ruhe bemerkte, entgcgnete siestolz: „Ich kenne ihn, er wird es wagen! Doch, wie viel Leute stellst du ihm zurVerfügung?"
„So viel er braucht! Doch, je weniger Mannschaft, desto größer ist sein Ruhm!"war die gelassene, berechnende Antwort.
Hcdwig entfernte sich, den Ausgang ihrer Unterredung Ludwig mitzutheilen.
Es hatte des Herzogs ganzer Gewandtheit bedurft, dem durchdringenden Blick seinerTochter mit geschlossenem Visir zu begegnen, denn hinter dieser unbeweglichen eiserne«Maske von Nutze und Gleichgültigkeit bargen sich die feindlich dunkelsten Gedanken.
Die Dienste Ludwigs und die Nettung vom Tode waren vergessen, — er sah nurnoch in ihm den gemeinen, niedrigen Eindringling, der es wagen wollte, sich in ein altes,hohes Fürstenhaus auf jämmerliche Weise einzustehlen und seine süßesten, Jahre lauggehegten Pläne zu durchkreuzen.
Darum diese Bedingung, die ihn unfehlbar dem Untergänge weihen mußte.
Wie konnte Ludwig mit einer Handvoll Leute eine That vollbringen, die ihm miteinem ganzen Heere nicht gelungen?'