Ausgabe 
29 (14.11.1869) 46
 
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Aber würde er, der leidenschaftliche, heißblütige Mensch zur Befreiung seines Neben-buhlers beitragen? Das war kaum zu hoffen! Dennoch galt es einen Versuch.

Sie suchte Wenzel auf und theilte ihm frei und unumwunden ihr Vorhaben mit.

Wenzel schaute düster und unheimlich darein, er hatte ganz andere, für ihn erfreu-lichere Eröffnungen erwartet und entgegnete deßhalb auf die Mittheilung Hedwigs, Ludwig

retten zu wollen, rasch und entschlossen:Hedwig, das kann dein Ernst nicht sein, solch'

eine Tollheit wirst du dieses Menschen wegen nicht begehen?"

Wie kannst du zweifeln, wenn du die Macht der Liebe kennst?"

Ob ich sie kenne? Ich würde den tausendfachen Tod suchen, wenn du es er-fordertest. O Hedwig, überlaß den armen, niedrig geborenen Ludwig seinem Geschick;fordere von mir das Größte, Unmöglichste, und ich will es thun!"

Das fordere ich eben von dir, rette Ludwig und ich will dich verehren und heilig

halten, wie nie einen Menschen zuvor."

Nein, Hedwig! das geht über meine Kräfte," entgegnete Wenzel abwehrend,ichbin nur ein Mensch, und für Jenen das Leben einzusetzen, der mir das Schönste undKöstlichste, deine Liebe, geraubt, das vermag ich nicht."

Er ist in Gefahr, Wenzel, der Pfeil des Todes zuckt über seiner Brust, hast dudenn kein Erbarmen mit meinem Schmerz?" klagte Hedwig mit zum Herzen dringenderStimme.

Er schüttelte düster das Haupt und entgegnete:Ich weiß, daß ich ihn am ehestenretten könnte, aber nein ich kann es nicht. Ha, ich wäre ein Thor, ihn zu retten;mag er untergehen, dann wird Alles wieder gut!"

Nichts wird wieder gut, Wenzel!" erwiderte Hedwig fest und ruhig.

Niemand soll von seinem Tode Vortheil ziehen, das schwöre ich dir, meine Liebefolgt ihm in das Grab!" Und begeistert fügte sie hinzu:Willst du ihn nicht retten,so wage ich allein den Versuch, ich muß Ludwig befreien, oder mit ihm sterben!"

Also auch der Tod des Verhaßten sollte ihm Hedwig nicht wieder näher bringen?Dies brach die starre Säule seines Widerstandes. Er fühlte, daß Hedwig ihm für immerverloren, so daß seine Weigerung die Kluft zwischen ihm und ihr zu einer unausfüll-baren machen mußte, er sah ihren festen, unabänderlichen Entschluß, der vor keinem Hin-derniß zurückscheute; wie hätte es seine glühende Liebe vermocht, sie hilf- und rathloseiner Gefahr zu überlassen, die ohne ihn zum sichern Verderben führen mußte!

Er dachte nicht mehr an den Zweck ihres Unternehmens, fühlte vielmehr nur, daßjetzt seine Hand sie schützen müsse, und sagte deßhalb:Wann willst du aufbrechen?"

Um Mitternacht!"

Ich werde dich am Ende des Gehölzes mit meinem Diener erwarten," ent-gegnete Wenzel.

Ein Freudenstrahl blitzte in den Augen der Ueberraschtcn, sie preßte überglücklichseine Hände in die ihrigen und sagte warm und innig:Vergib, daß ich dich verkannt,du bist eine große, opfermüthige Seele!

Laß das," sagte ihr Jugendfreund wieder kalt und unzugänglich, und schrittdüster hinweg.

»

Als Ludwig am Morgen nach seiner Gefangennehmung erwachte und sein Blicküber die kahlen Wände seines Gefängnisses streifte, da sah er Plötzlich das Gesicht einesMannes vor sich, den er hier am wenigsten erwartet hatte das seines frühern Tod-feindes, des Ritters Georg.

Gerade diesem Menschen, dem er das Zertrümmern so vieler Hoffnungen zu ver-danken, als. Gefangener in die Hände zu fallen, war ein tückischer Schicksalsstreich.

Er hätte sich Georg in Sprottau und im glücklichen Besitz Ulriken's gedacht; mit