Ausgabe 
29 (14.11.1869) 46
 
Einzelbild herunterladen

364

Theil Glauben an die Menschheit ärmer geworden sein. Dem elenden Georg kam nichteinmal der Gedanke in den Sinn, den Knoten mit einem kühnen Schlage zu durchhauen.

Hätte er sich entschlossen, Bolcslaus mitzutheilen, daß ganz in der Nähe, in seinemeigenen Schlosse, sein so sehnsüchtig herbeigewünschter Sohn sich befinde, so hätte er erstin Wahrheit seine Schuld gebüßt und er konnte dann getrost abwarten, ob ihn BoleslauSgegen die Croatin schützen würde.

Diese hatte beim Anblick des Gefangenen ein besonderes Interesse für ihn gefaßt undfragte, als sie noch an dem nämlichen Tage mit Georg zusammenkam:

Was macht dein Gefangener?"

Schlecht, sehr schlecht," war die Antwort,der arme Teufel wird uns sicher zumersten und letzten Male überfallen haben."

So? Kein Besserwcrden?"

Keines," cntgcgnete Georg lebhaft,die Wunden sind zu tief."

Nun dann glückliche Reise, dem tollen Wicht!" Und sie ging zurück in ihrZimmer.

Aber, so gleichgültig ihre Fragen, sie hatte den Gefangenen einmal in's Augegefaßt und mußte ihn wiedersehen.

Am andern Tage wurde Georg für den Vormittag unter irgend einem Vorwandevom Schlosse entfernt, und sie eilte sogleich zu dem Schließer, sich Ludwlg's Gefängnißöffnen zu lassen.

Gespannt und forschend trat sie ein. Zu ihrem großen Erstaunen fand sie statt deSzum Tode kranken, einen wieder recht rüstig aussehenden, kaum seine Wunden fühlendenMenschen. Die Aussicht auf Freiheit hatte wunderbar belebend auf den Gefangenen gc«wirkt. Dahinter mußte ein Geheimniß stecken, das zu ergründen war; sie näherte sichmit ihrem freundlichsten Lächeln dem Gefangenen und sagte:Ich komme, die Wundenzu heilen, die ich dir geschlagen."

Wunden von Weibern gehen niemals tief," cntgcgnete ruhig der Gefangene.

Ich würde dein Herz schon gefunden haben, wenn ich dich nicht schonen gewollt;du solltest mir dankbar sein," bemerkte die Croatin freundlich, die gerade von der Schroff-heit des Gefangenen angezogen wurde.

Wofür? Für eine schmachvolle Gefangenschaft, die verfluche ich tausendfachlieber den Tod!"

Junger Freund, das Leben ist schön, man wirft es nicht so leicht weg, wen» ma«den Becher noch nicht ausgekostet!" *

Für mich sind nur noch Hefen darin!"

Sollte dir ein liebend Frauenherz uicht eine andere Meinung bringen?"> fragtedie Croatin zutraulich.

Reiß mir uicht eine Wunde auf, die mich am Tiefsten schmerzt," cntgcgneteLudwig düster.

Das will ich in Wahrheit," entgegnete lachend die Croatin,ich will sehen, obdein Verband kunstgerecht angelegt, denn ich verstehe mich darauf."

Er wollte sie finster abwehren, aber warum schnöde eine freundliche Gesinnung vonsich stoßen? Er ließ es zögernd zu.

Sie streifte den alten Verband von der Achselwunde ab, um einen neuen aufzulegen.Kaum aber hatte sie das Hemd etwas zurückgeschoben, als sie wie von einer Schlangegestochen zurückfuhr.

Ihre Hand zitterte, ihre Lippen wurden bleich und sie gericth in die heftigsteBestürzung. Dennoch, ehe Ludwig ihre Aufregung gewahren konnte, hatte sie sich mitstählernem Willen bcmeistert und errang ihre gewöhnliche Ruhe, so daß sie freundlich demGefangenen den Verband anlegen konnte, während ihr Inneres von tausend wilden,düsteren Gedanken durchzuckt wurde.