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Das war kein Zweifel, sie hatte den Sohn von BoleslauS vor sich, hatte sie dochdieselbe deutliche Hand auf der Brust des Fremden bemerkt, die ihr der lügnerische Georgals das Erkennungszeichen beschrieben!
Sie brachte damit das sonderbare Benehmen Georg'S, sein Heimlichthun mit demKranken, sein ängstlich Hüten in Einklang, — und hierzu kam das zutreffende Alter, dieAugen Margareth's — Teufel! ihr Sohn war in BoleSlaus Nähe und der geringsteZufall konnte eine Entdeckung herbeiführen und ihre Plane vernichten!
Sie hatte Alles daran gesetzt, nach BoleSlaus Tode im Besitz des Hcrzogthumsbleiben zu können. Wenzel war durch seinen Aufenthalt beim Feinde dem Barer fürimmer entfremdet und aus seinem Erbe verdrängt, — und nun sollte ihr dieser in dieHände gefallene Bursche gefährlich werden?
Sie hatte ihm in einem Anfalle guter Laune das Leben geschenkt, jetzt, wo er ihrfeindlich in den Weg trat, glaubte sie das Recht zu haben, ihn hinwegräumen zu dürfen.Ihr erster Gedanke war, Rache zu nehmen an dem lügnerischen Georg, aber er war fürden Augenblick nicht da und hier war ein Feind aufgetaucht, der vernichtet werden mußte,noch ehe er, wie eine Blindschleiche, warm geworden, und stechen konnte.
Nimmermehr durfte eine Entdeckung erfolgen. Ihr Auge funkelte unheimlich, dieHand griff unwillkürlich nach dem Dolch, und sie würde ihn auf der Stelle ermordethaben, wenn nicht der abwägende Verstand ihr klüglich zugeflüstert: „Wie, wenn du ihnnicht in's Herz triffst, und der Verwundete noch im Todcszucken dich mit seinem starkenArm erdrückt, und dann — am Tage, wo sein Tod Aussehen erregen und vielleicht denHerzog herbeiführen kann? Nein, nein, nichts Uebcrciltes, lieber warten bis zu gelegenerStunde, bis zu schweigender Nacht!"
Mit gewinnendem Lächeln beugte sie sich von Neuem über den Kranken, zu sehen,ob der Verband genügend, und sagte dann mit herzlicher Theilnahme Lebewohl, währendin ihrem Innern nur der heißeste Wunsch brannte, ihn zu vernichten.
(Fortsetzung folgt.)
Die Aeolsharfe.
Dieses romantische Instrument, dessen harmlose Naturmclodien und bald frohe, baldsehnsüchtige Hauchaccorde, in tiefer Nachtstille zwischen dem melancholischen Säuseln dcSLaubes von eigenthümlichster Wirkung sind ist bei uns lange' nicht genügend bekannt.Dem spät noch unter den Sternen Wandelnden bereiten diese Töne manches Vergnügen,und der eigentliche Musiker wird nicht umhin können, die ewige Gesetze der Harmonie inihnen zu bewundern. Es dürfte den Leser daher intcreffiren, etwas Näheres über dieNatur und Verwendung dieses Instrumentes zu erfahren.
Dieses Saiteninstrument verlangt von seinem Besitzer keinerlei Kunstfertigkeit nochVorübung, denn es klingt ganz von selbst. Die merkwürdige Eigenschaft, im Lustzugesaufte Harmonien, wie Musik aus weiter Ferne, hervorzubringen, macht es für Gärtenund ruhig liegende Zimmer höchst angenehm. Die Aufstellung ist leicht erlernt. Manöffne nämlich ein Fenster, auf das eben ein frischer Wind trifft, drei Zoll weit, beseitigeeS mittelst eines BandcS, und stelle nun die Harfe mit ihrem trichterförmigen Lnflfangedicht anschließend an diese Feusterspalte, so daß der eindringende Wind durch den Sciten-chor ziehen muß. Anfangs hauchen die Töne tief und im erwachende Dreiklange.Kaum übersetzt der Wind lebendiger ein, so steigen die sanften, feierlichen Accorde höherund höher und eS entwickelt sich eine reizende Mannigfaltigkeit von hellen Flöten- undClarinelttöncn. Verhauchen sie wieder, so hallt die Melodie noch in den Baßsaiten fort,wie ersterbende Klänge von fernen, gedämpften Waldhörnern. Alle übrigen Fenster undThüren nach außen müssen geschloffen sein: wohl aber muß man die Stubenthür oderbesser noch die eines Kamins öffnen, um so den nöthigen Gegcnzug zu bewirken. Wer