Arv. 47.
21. Novbr. 1869.
Man muß das Volk nicht vom Gesetz losreißen,
Und an die Willkür kellen
Shakespeare, Heinrich VIll. Akt 1 Scene 2.
Die H a u d.
(Fortsetzung.)
Noch an demselben Tage kehrte Georg auf s Schloß zurück — und versprach demGefangenen noch für heute Nacht sichere Befreiung.
Dieser war von dem Gedanken völlig berauscht — und vergaß darüber schnell denBesuch der Herzogin.
Mit Umsicht und Geschick traf Georg alle Anstalten zur „Flucht." Kurz nachMitternacht hörte der Gefangene auch wirklich den Schlüssel drehen und sein Befreierforderte ihn auf, ihm leise und vorsichtig zu folgen.
Sie kamen glücklich, ohne störenden Aufenthalt, durch mehrere finstere Gänge ausdcni Schlöffe iu's Freie.
Georg selbst athmete hoch auf, denn jetzt war nur noch der Park zu durchwandern,dann noch die Mauer zu übersteigen und sie waren Beide gerettet und in Sicherheit.
Kaum waren aber die Flüchtlinge im Park angelangt, als sie einen kleinen TruppLeute auf sich eindringen sahen.
Sie wollten ausweichen, es war zu spät; ehe sie sich in Vcrtheidigungs-Zustandsetzen konnten, waren sie umzingelt.
„Schweigt, oder ihr seid des Todes!" herrschte sie eine dumpfe Stimme an.
Aber das Auge der Liebe dringt durch die dickste Nacht. Hedwig — denn sie warB — von Wenzel und zwei Dienern gefolgt, sank mit einem Schrei freudiger Ueber-raschung dem Geliebten in die Arme.
Die kühnen Abenteurer hatten sich glücklich bis hierher durchgeschlagen und wolltennun eben sich zu dem schwierigsten Theil ihres Unternehmens, der Befreiung Ludwig'saus dem Kerker, rüsten, als sie plötzlich das Glück aller weitcrn Sorge überhob undihnen den Gefangenen selbst so überraschend wunderbar zuführte.
„Du hier?" — rief der Letztere erstaunt, und eine wunderbare Seligkeit durchwagteseine Brnst. ^
„Ich komme, dich zu retten, Ludwig! Doch nicht allein. Hier ist der edle Wenzel,der mir treulich bcigestandcn."
„Das vergesse ich dir nie!" — erwiderte Ludwig mit weicher, aus dem Herzenkommender Stimme.
„Eilen wir, den glücklichen Zufall zu benutzen und aus der Stadt zu kommen,"entgegnetc ablenkend Wenzel, — und diese Mahnung war keine ungegründete, denn imnächsten Augenblick hörten sie ein wildes Geräusch vom Schlöffe. Eine Menge Fackelntauchten in der Ferne auf. Dem feigen Georg entfiel der Muth, seine Kniee schlotterten,die Croatin stand finster drohend vor seiner aufgeregten Phantasie.
Da zuckte ihm ein anderer Gedanke durch das Hirn — er brauchte ja nicht heutezu flüchten, in dieser so gefährlichen Stunde, — konnte vielmehr seine Flucht auf einegünstigere Zeit verschieben.
Niemand hatte seine Flucht bemerkt, auf ihn siel der wenigste Verdacht. Umkehr