Ausgabe 
29 (5.12.1869) 49
 
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Manchem noch unbekannt sein. Niest Jemand, so erfolgt erst ein tiefcS Einathmen, eSdurchbebt alle Muskeln eine gewaltsame, nicht zu verhindernde Erschütterung, die Lungezieht sich Plötzlich zusammen und alle in derselben befindliche Luft wird durch die Nase,und theilwcise auch durch den Mund mittelst einer plötzlichen Zusammenziehung derAthmungs - Muskeln von Bauch und Brust mit einem eigenthümlichen Geräusche aus-gepreßt. Ursache ist stets ein sonderbares Kitzeln in der Nase, oder auch bisweilen inder Herzgrube, erzeugt durch eine Reizung der Nasenschleimhaut und ihrer Nerven mitfremden in die Nase eingeführten Körpern, oder beim Katarrh mit Schleim und Thränen,mittelbar auch durch Sehen in die Sonne oder Reizung der Unterleibs - Nerven. Als-dann stehen gleichsam alle körperlichen Funktionen still, und der Mensch erscheint eigentlichin der Situation, als warte er der Dinge, die da kommen sollen, bis endlich mit einemMale die so eben geschilderte Erscheinung erfolgt.

Während dieses Vorganges wird der Durchgang des Blutes durch die Lunge undder Rücktritt desselben aus dem Kopfe, obwohl letzterer durch die Schlagadern ungehindertgefüllt und ausgedehnt wird, gehemmt. Aus diesem Grunde entstehen durch allzuhcftigesund anhaltendes Niesen verschiedene unangenehme und geradezu schädliche Folgen.Alle Sinne, sammt der Bewegung der Musleln, beginnen ihre Dienste zu versagen, dasGesicht schwillt auf, die Augen thränen und die Nase fängt an zu tropfen, ja endlichwerden alle Funktionen des Gehirns in Unordnung gebracht. Im Winter und im Früh-jahr oder Herbst sind solche Erscheinungen an der Tagesordnung Trotzdem hat dasNiesen auch seinen wohlthätigen Einfluß auf die Constitution des Körpers, und wird deß-halb oft künstlich zu Wege gebracht. Dies geschieht namentlich bei Kopfschmerz, Funktions-trägheit des Gehirns rc. Denn durch das Niesen wird hauptsächlich der Nasenschleimgesetzt und abgeführt. Dies sind Thatsachen, die Jedermann schon an sich selbst beobachtethaben wird.

Interessant sind einige Notizen aus der Geschichte, welche auf das Niesen Bezughaben und hier eine Stelle finden mögen. Was zunächst die Entstehung der Sitte be-trifft, einWohl bekomm's!" oder dergleichen dem Niesenden zu wünschen, so istFolgendes nicht ohne Wichtigkeit:

Polydorus Virgilius aus Urbino , ein gelehrter englischer Theologe des sechzehntenJahrhunderts, versichert, cS habe zur Zeit des Papstes Grcgor'S des Großen imJahre 591 eine heftige epidemische Krankheit geherrscht und die davon befallenen Personenhätten durchgehend so heftig und andauernd niesen muffen, daß sie davon gestorbenwären. Um nun die Fortschritte der Krankheit zu hemmen, habe der Papst Gebete undGelübde angeordnet, und daraus sei die Sitte entstanden, wenn Jemand niese:Helf'Gott !" (Gesundheit!"Dein Wohlsein!"Wohl bekomm's!" u. s. w.)zu wünschen.

Dieser Gebrauch findet sich jedoch im Alterthume und zwar in allen Welttheilcn,ja die Entdecker Amerika's fanden die Sitte sogar dort bei den Ureinwohnern. Vonden Kaffern erzählen Reisende, daß dieselben niemals niesen. Es ist dies kaum glaublichund aus der physischen Beschaffenheit des indogermanischen Menschenschlages nicht zuerklären.

Sonderbar ist die Sage, welche die hebräischen Schrift- und Gcsctzkundigcn vomNiesen erzählen.

Als Vater Adam, so berichten die Rabbinen, durch den Ungehorsam gegen Gottseine Unsterblichkeit verscherzt hatte, beschloß Gott : Jeder Mensch solle einmal in seinemLeben niesen, und zwar kurz vor seinem Tode. Nur der Erzvater Jakob habe es durcheinen unsträflichen Lebenswandel so weit gebracht, niesen zu dürfen, ohne zu sterben, undseitdem er beim Niesen am Leben geblieben, haben AlleProsit" gerufen. Und diesesProsit" fand Erhörung. Er lebte noch viele Jahre bei guter Gesundheit.

Die griechischen Mythologcn erzählen: Als Prometheus in einer verschlossenen