Ausgabe 
29 (12.12.1869) 50
 
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Aro. 50.

12. Decbr. 1869.

Den hemm' ich, den ich lieb'; eS wird sein Lohn,

Verspätet, süßer mir. Trau't meiner Macht;

Mein Arm hebt auf den tiesgefallnen Sobn,

Sein Glück erblüht, die Prüfung ist vollbracht.

Shakespaere, Cymbeline Mt V. Scene 4.

Der Suez-Kanal .

Nach einem Expose der Compagnie bearbeitet.

In diesen Tagen vollzog sich an der Grcnzscheidc zwischen Asien und Afrika einEreigniß, das namentlich für den Welthandel, nicht viel minder aber auch in politischerHinsicht, gewaltige Folgen nach sich ziehen wird.

So weit hinauf wir den Verlauf der Geschichte zu verfolgen vermögen, hingen diegenannten Erdtheile durch das schmale Band der Landenge von Suez zusammen, welchessomit das Mittelmeer von den Gewässern des indischen Oceans schied. Von jeher ist eseine Licblingsidee der Fürsten und Völker gewesen, durch Kanalisirung des Isthmus dasterrestrische Band zu lösen, und das fehlende interoccanischc Mittelglied herzustellen.Was in Jahrtausenden vergeblich erstrebt worden, das blieb unserem rastlos voran-schreitenden Jahrhundert zu erfüllen vorbehalten. In demselben Jahre, wo die neueWelt eine nicht weniger großartige Schöpfung in der pacisischen Eisenbahn zur Vollen-dung gebracht hat, hat die alte Welt die Bereinigung der Gewässer des Mittel- undrothen Meeres durch einen feierlichen Akt sich besiegeln sehen, an welchem Theil zu nehmenalle gebildeten Nationen ihre Delcgirten sandten und Repräsentanten vieler Herrscher-Familien eine weite beschwerliche Reise nicht gescheut haben. Nach manchen schwerenKämpfen mit der Natur sowohl, als mit politischer Intrigue, nach Aufwendung kolossalerSummen und der großartigsten technischen Hilfsmittel ist die große That vollbracht,Afrika ist zur Insel geworden. Wenn auch der Kanal noch nicht durchweg diefestgesetzte Tiefe erreicht hat und vielleicht noch einige Jahre Arbeit dazu gehört, um ihnden größeren Luftschiffen passirbar zu machen, so steht doch die Anlage auf einem Stand-punkt, daß das Fehlende im Vergleich zu den überwundenen Schwierigkeiten als unter-geordnet erachtet werden kann, und dem Termin zur feierlichen Eröffnung seine volleBerechtigung zuerkannt werden muß.

Treten wir zunächst den geographischen Verhältnissen der Landenge etwas näher, umdaraus die Größe der gestellten Aufgabe ermessen zu können. Das rothe Meer, welchessich als schmaler, langgezogener Wasscrstrcifcn zwischen die arabische Halbinsel und dasnordöstliche Afrika drängt, endet an seiner Nordwcstspitze (etwa untern dem 30. Gradenördlicher Breite) mit einer Bai, welche von der an derselben liegenden alten HandelsstadtSuez den Namen führt. Der Isthmus von Suez bildet an seine? schmalsten Stellezwischen jener Bai und dem Golf von Pclusium einen ca. 16 geographische Meilenbreiten, zuni größten Theil den Charakter der Wüste tragenden Landstrich. Westlich derkürzesten Verbindungslinie beider Meere zweigt sich von Suez eine deutliche markirteBodensenkung ab, welche durch trocken liegende Secbccken führt und nur an zwei Stellenvon geringen Erhebungen unterbrochen wird. Dieselbe mündet an ihrem nördlichen Endein den durch eine schmale Sanddüne vom Mittclmeer getrennten sumpfigen Menzaleh-See, der mit seiner südlichen Fortsetzung, den Ballah-Seen, fast die Hälfte der ganzenStrecke einnimmt. Von den trockenen Seebcckcu sind die südlichen die Bittersten