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»ir stehen, decken die Gruft, in der Kaiser Arnulf und sein Sohn Ludwig liegen, dortdie Statue soll das Bild der Kaiserin Uta sein, hier ruht der stolze Graf Babo vonAbensberg, von dem noch heute viele Sagen im VolkeSmund leben, nntcr den Steinendrüben schlafen die Herzoge Arnold, Arnulf und Heinrich, diese Hochgräber sind den Hei-ligen: Emmeran und Wolfgang errichtet, jene Tumba der heiligen Aurelia! Ueberall historischeruralter Staub und Moder! Wie oft schon hatte ich den berühmten Kreuzgang von St.Emmeran als ein wahrhaftes Wunderwerk der Frühgothik loben und Preisen hören! Die-ser Krcuzgang also und die fürstl. Tayis'sche Gruft blieben mir zu sehen noch übrig.Man konnte jedoch von der Kirche aus nicht hinkommen, sondern mußte vom ehemaligenKlostcrgebäude, dem jetzigen Taxis'schen Palais, aus eintreten. Am Thor empfing michein alter Portier und sagte mir, daß ich jetzt nicht in die Kapelle könne, da die FrauErbprinzestin gerade am Sarge ihres verewigten Gemahls bete. Es war ja Allerseelenheute! „Das ist ganz gleich, ob Allerseelen oder nicht", bemerkte der alte ergrauteDiener des fürstl. Hauses. „Die Frau Erbprinzestin ist jeden Tag einige Stunden inder Gruft, oft auch mehrmals täglich." Der Mann mochte jedoch bemerken, daß mirviel daran lag, den Krcuzgang und die Gruft zu sehen, und fragte deßhalb freundlich, obich nicht so lange bei ihm eintreten wolle. Gerne nahm ich das gutgemeinte Anerbietenan und ließ mich in dem warmen Stübchen, das mit allerlei Bilderwcrk und Schnörkel-kram gar nett verziert war, für einige Zeit nieder. Ein Sakristan kam und brachte einenprachtvoll gearbeiteten Chorrock. „Ist die Messe schon zu Ende?" fragte der Portier.„Die Messe ist aus", antwortete der eilige Kirchendiener, „aber die Frau Erbprinzestinbetet noch am Sarge!" „Da haben Sie noch eiue gute halbe Stunde Zeit", wandte sichder Alte zu mir. „Heute zu Allerseelen ist die Messe unten in der Gruft selbst gelesenworden." „Sehen Sie", fuhr der alte Mann fort, „Das hat die hohe Frau Alles selbstgestickt, betrachten Sie nur die prächtige Arbeit, diese Goldstickerei!" In der That warder Chorrock ein Meisterwerk fleißiger und kunstreicher Finger. „So arbeiten Prinzes-sinnen?" fragte ich zweifelnd. „Das hat sie Alles selbst gemacht", antwortete er entschieden,„Alles, was unten in der Gruft an Stickereien und weiblichen Handarbeiten ist, dasBahrtuch, die Altardccke und noch vieles Andere hat die Frau Erbprinzestin selbst gestickt.Seitdem der durchlauchtigste Erbprinz gestorben, thut sie nichts anderes, als für seineGruft sticken und an seinem Sarge beten und weinen, immerfort weinen", dabei schüttelteder Alte wehmüthig sein graues Haupt. Ich sah aber die hohe Frau vor mir, die ichals Herzogin Helene in Bayern wie oft in München gesehen hatte. Wie war Alles damalsso glücklich über diese Heirath, die eine reine Herzensverbindung war und bei der dieStaatsraison nichts zu thun hatte. Da hing das Portrait des Erbprinzen, nur eineschlechte Lithographie, aber die Ähnlichkeit doch nicht zu verkennen. Was war das fürein schöner, stattlicher, lebensfroher Herr gewesen! Der Stolz seines alternden Vaters,der Abgott seiner Frau, der Gegenstand der Verehrung und Liebe für alle Die, die dasGlück hatten, ihm näher zu stehen. Und das Alles moderte da unten im Sarge.
Ein Wagen fuhr donnernd vor, und im Gang draußen wurde eS lebhaft. DerAlte und der Portier stürzten hinaus und ließen die Thür offen. Es schien, als obdie Andacht beendigt sei. Zuerst kamen einige Herren, dann zwei reizende Kinder in tiefesdüsteres Schi rz gekleidet, sie kamen vom Grabe des Vaters. Dann folgte eine Dameebenso in tiei e Trauer gekleidet. Kaum hätte ich die Herzogin Helena in den abgehärmten,bleichen, di :chschmerzten Gesichtszügen der Erbprinzessin wieder erkannt. Der Portier,kam zurück nit einem großen Schlüsselbund. „Jetzt wenn's gefällig wäre!" Ich folgtedem alten Herrn, zwei mächtige Flügelthüren öffneten sich und wir traten in den berühmtenKreuzgang St. Emmeram ein; der Alte ging glcichgiltig an dem oft Gesehenen vorüber,ich folgte staunend ob der Pracht der Steingebilde, die mir hier in wahrhaft überwältigen-der Weise entgegentrat. Alle die gewaltigen Zauber der Gothik schienen mir in dieseneinen Kreuzgang gebannt zn sein, und stummbewundernd schritt ich von Fenster zuFenster. Wir kamen zu einem stilgerechten doppelten Gitterthor. „Wollen Sie hinaus