Ausgabe 
29 (12.12.1869) 50
 
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in die Kapelle oder hinunter in die Gruft?" Zuerst in die Kapelle, wenn ich bitte»darf! Wir waren vollständig allein in diesen der frommen Erinnerung gewidmete»Räumen, die Bewunderung des schönheitsdurstigen Auges, das sich an den wundervollenLinien dcS eben so edlen als einfachen Bauwerkes erfreuen wollte, wurde zurückgedrängtdurch die weihevolle ernste Stimmung, die sich hier auch solchen Regungen gegenüberverknöchcrtsten Menschen aufdrängen mußte. Ein Blick auf den Dannccker'schen Christus,und das Herz zitterte nach in den Gefühlen, die einst dieses unerreichte Bildwerk schufenDer Alte klapperte mit den Schlüsseln, vielleicht mochte er ungeduldig geworden fein.Wir stiegen hinunter in die Gruft. Ziemlich hoch und schön gewölbt, wie sie war, fieldurch ein in die obere Kirche gehendes Oberlicht eine matte unbestimmte Helle in dieseWohnnng der Todten. Im Hintergründe ein einfacher Altar, an beide Seiten auf hohenBahren Särge, in den die in den letzten Jahrzehnten gestorbenen Glieder der fürstlichen Familieruhen. Noch schwebteu die Wcihrauchwolken der jüngst gelesene Messe unter den Gewölben,ihr scharfer Duft mischet sich mit dem herrlichen Geruch frischer Blumen, von Moder undund Verwesung keine Spur! Mit entblößtem Haupt traten wir zu dem Sarge, inwelchem der edle Erbprinz ruht. Wie oft hatte ich ihn gesehen, wenn er in der Fülleseiner Kraft mit Vieren vom Bock fuhr, eine schöne prächtige Männergestalt mit kräftigersicherer Hand das feurige Viergespann zügelnd. Und nun lag von all der Jugend,von all der Kraft und Schönheit nur die entseelte Hülle in dem-Sarge , dessen reicheVerzierungen kaum zu sehen waren vor der üppigen Blumensülle, welche die Liebe hierniedergelegt hatte. Zu Füßen des Sarkophagen lag ein Teppich, auf ihm hatten wohlnoch kurz vorher die Gattin, die Kinder gekniet. Es wahr als wollte die unsäglicheTraurigkeit des Ortes mich überwältigen, mich, der ich doch hieher gekommen war alsein kalter gleichgiltiger Fremder, der gothische Fenster sehen wollte und nichts weiter.Ich nahm mir eine Blume aus der überreichen Fülle und schied von diesem Orte desFriedens. (N. K.)

* Ueber die Einwanderung in die Bereinigten Staaten

hielt Herr Friedrich Kapp vor Kurzem in der Sitzung derAmerican SocialScience-Association" einen höchst interessanten Vortrag, dem wir Nachstehendesim Auszug entnehmen: Die Gründe der Auswanderung von Europa sind VerfolgungenSeitens der Regierungen und üble sociale Verhältnisse; diese Gründe einerseits, und diemehr oder minder hervortretenden Chancen für Fortkommen und Erwerb in den Ver-einigten Staaten andererseits bedingen die Fluctuationen, welche wir im Laufe der Jahrein der Einwanderung wahrnehmen. In den Jahren, welche sich durch große Unglücks-fällc, Revolutionen oder nationale Zerrüttungen im alten Vaterlande kennzeichneten, hatdie Einwanderung stärkere Dimensionen angenommen, während sie umgekehrt abnahm,wenn in Amerika schlechte Zeiten herrschten. So z. B. veranlaßte die Hungersnoth derJahre 1816 und 1817 eine großartige deutsche Einwanderung, ebenso das Mißlingender Revolution von 1848 51; in dem, mit dem Jahre 1845 beginnenden Jahrzehmtkamen 1,226,332 Deutsche hierher; während desselben Zeitraumes sandte Irland1,512,100 Immigranten, seitdem jedoch ist die Einwanderung von dort auf die Hälftedes Durchschnitts der letzten 10 Jahre gesunken; von 1775 bis 1815 war die Ein-wanderung in Folge der amerikanischen Revolution sehr schwach und beschränkte sich auf3 bis 4000 Personen jährlich. Der durch die Einwanderung repräsentirte, direkt undindirekt den Vereinigten Staaten erwachsende Gewinn ist ein ungeheurer. Man schätztdie Gelder, die jährlich von deutschen Auswanderern in dieses Land gebracht werden, auf11 Millionen Dollars. Jeder bringt außerdem Kleider, Werkzeuge und auch Werthsachenmit, deren Werth sich mit den Baarvermögen auf 150 Dollars pro Person (eine niedrigeSchätzung) belaufen mag; die 250,000 Immigranten, die im Jahre 1859 in Netn-Mr!ankamen, vermehrten den National-Wohlstand also um 37>/a Millionen Dollars. Ferneraber ist der Immigrant für das Land gerade so viel werth, wie es kostet, einen einge-