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Umzug — und die Sonne geht vor ihm her, und der Mond folgt ihm mit lächelndemAntlitz. Der Knabe steht an der großen Pforte in einen Winkel gedrückt und Niemandsieht ihn. Aber mit einem Male fällt ein Strahl auf ihn, und er steht da vor demhellen Auge in seinem ärmlichen Röckchcn und in seinen zerrissenen Schuhen. Er meintein den Boden sinken zu muffen vor Schani, — aber das Christkindlein winkte ihm mitfreundlichem Lächeln. — Dann kam eine düstere Wolke hernieder und Alles war dunkelund still.
Und still war's auch auf den Straßen geworden, nur ein Mann stand noch vordem großen Goldladen neben dem Dome und schaute träumend in die dichter, die darinnenbrannten. Der dreitkämpige graue Hut, der ihm tief in'S Gesicht hineinreichte, — derbraune, nachlässig umgeworfene Mantel, das schalkhafte Lächeln, daS zuweilen um seinenMund spielte und dann wieder die düstere Wolke des Unmulhes, die über seine Stirnezog, das Alles machte den Mann zu emer räihselhasteu Erscheinung.
Jetzt eilte er schnellen Schrittes von dannen in der Richtung auf den Dom zu. —„Ich had's gefunden,- — murmelte er vor sich hin. Dann summt er nach einer altenMelodie das Lied:
„Was ist das doch ein holdes Kind,
Das man hier in der Krippe find't."
Plötzlich bleibt er stehen bei der Laterne, die immer trüber brennt, dann tritt erdicht unter sie hin und beugt sich zu dem dunkeln Gegenstände nieder, den der Schneebereits wie mit einem weiße» Tuche bedeckt hat. Er hebt den armen, bewußtlosen Knabenin die Höhe, derselbe gibt kein Lebenszeichen mehr von sich, — seine Wangen sind weiß,wie das WeihnachtSbäumchen neben ihm. Der Mann nimmt den Mantel von seinerSchulter, und schlägt ihn um das Kind, er hält es fest in seinen Armen und trägt esdurch den kalten Abend und erwärmt eS an seiner Brust. Mus Straßen durcheilte er,und dann machte er vor einem großen, hellcrleuchictc» Hause Halt. Mit der Rechtenergreift er den Schellenzug, daß es durch's ganze Hans tönt.
„Wer ist da?" fragte eine zarte Frauenstimme von innen.
„Clemens," schallt es zurück. „Oefsne schnell."
Der Wanderer tritt mit seiner Last ein und schüttelt den Schnee von den Füßen.
„Hab' ich's nicht gesagt, Ludovika , daß ich noch etwas finden würde, woran IhrAlle nicht gedacht?"
Die Dame schlug den Mantel zurück und sah in das bleiche Gesicht des erstarrtenKleinen.
Er schlug die Augen auf — und wo war er? Hohe Fenster mit prächtigen Vor-hängen waren an dem Gemach, in dem ei» weißer Ofen eine wohlthuende Warme ver-breitete. Er lag in dem schneeweißen Beuchen, vor dem ein Man» mit einem großenFilzhnie stand. Der Kleine hatte ihn nie gesehen, aber der Fremde lächelte so sreundlich,daß der Knabe die Hand ausstreckte und seine rauhe Wange streichelte.
Da trat eine Dame in's Z»»mcr und licbkvsete den vom Starrschliimmcr erweckten
Knaben. Sie legte ihm schöne Kleider an, wie sie die Kinder der Reichen tragen und
dann labte sie ihn mit einem süße» Tränke. Der Man» mit dem großen Hute warhinausgegangen, die Thüre stand angelehnt und bald schallte ganz von ferne Lrcdcrklang.herüber und der sanfte Ton einer Geige.
„Willst Du bei uns bleiben, lieber Kleiner?" fragte die Dame.
Da kamen Thränen in die Augen des Kindes und es stammelte: „Ach, es ist hier
so schön, wie im Himmel, aber meine Mutter wartet auf mich — und hat noch nichts
gigrffn heule Abend."
„Wer ist denn Deine Mutter?"
„O, sie i r schon lange krank und hat viele Schmerzen, und wir leiden so großenH>ug r. O, laßt mich, ich muß zu ihr, sie ist gewiß in tausend Aeugsten um mrch.