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Wir kommt rs denn, daß ich nicht bei ihr bin — und was find LaS für schöne, groß«Zimmer und wer hat mich hierhin g,bracht?"
„Der Mann, der eben an Deinem Bcttchen saß, hat Dich vor einer Stunde hierhi»getragen. Du warst auf der Straße eingeschlafen bei Deinem Wcihnachtsbäumchen."
„Ich will es holen," rief der Kleine lebhaft, „und dann zu meiner Mutter heim.*
„Warte nur noch eine kleine Zeit, und ich will Dir etwas Schönes zeigen."
^ ,O, es ist gewiß nicht so lieb und schön, wie das Gesicht meiner Mutter, wenn
sie mich anlächelt und von den lieben Engeln' erzählt, die mich gern hätten, wenn ichg «t bin."
. Die Dame nahm den Kleinen an ihre Hand und durchschritt drei Zimmer mit ihm.DaS eine war noch schöner als das andere, aber gegen das dritte waren sie alle nichts.
Eii. großer runder Tisch stand in der Mitte, von dem ein Lichtmeer ausstrahlte,so hell wie die Sonne. Um den Weihnachtsbaum saßen frohe Kinder und sangen demKindlein zu Ehren, das heul sie so glücklich gemacht. Und beiseits saß der Mann mitdem großen Hure und spielte die Geige und sang mit klarer, voller Stimme, daß dieKiemen oft schwiegen und still dasaßen und andächtig lauschten.
Als die Dame mit dem armen Knaben in den Saal trat, verstummte das Lied,der freudige Mann legte die Geige bei Seite und die Kinder umdrängten den Ankömm-ling. Sie standen um ihn im Kreise, jedes hatte irgend Etwas von seinen Gaben inder Hand und bot eS dem Knaben zum Geschenke an, — sie dachten an den schneidendenWmd, der an den Fenstern rüttelte und an den kalten Schnee, aus dem der gute Onkelden Armen hervorgezogen.
Alnr sie machten betrübte Gesichter, als der Kleine nichts annehmen wollte, und nurnach semer kranken Malier verlangte. Sie fragten ihn, ob er nicht bald wieder komme»werde, und erst als die Dame es ihnen versprochen, daß er noch oft kommen sollte, ließe»sie es ruhig geschahen, daß der Mann, der eben die Geige gespielt, ihn bei der Hand«ahm und mit sich hinausführte.
Als sie aus der Straße waren, ward der Knabe gesprächig, und erzählte dem wohl-wollenden Manne seine ganze Leide, sg schichte, wie sie seinen Batcr vor einem Jahre zumKirchhofe getragen hätten und wie sie nun so große Noth litten.
Die Häuser wurden immer kleiner und ärmlicher, je weiter sie gingen. Hier undda brannte noch ein lrüb.ö Oelflämmchcn hinter den Fenstern, sonst war nichts zu sehen.Zn der Sackgasse, in die sie nun yineinschrillen, war Alles still, man konnte keine Handvor den Augen sehen. - Mit sicherem Schritt ging der Kleine vorwärts. Er stieg dan«zwei Treppen hinan und öffnete eine niedere Thür.
Er stand still und horchte, nichts regte sich, eine furchtbare Angst überkam das Kind.Wenn die Mutter gestorben wäre, während er in dem großen glänzenden Hause war?
Schnell stieß er eine zweite Thür auf, die in ein kleines, dunkles Gemach führte.Aus der Ecke drang der Laut schwerer Athemzüge hervor. Der Kleine zündete Licht anund trat mit bebenden Knieen au das Bett seiner kranken Mutter. Er rief sie laut beiNamen, aber keine Antwort erfolgte; da stieg seine Angst aufS Höchste, — er wandtesich mit einem flehenden Blicke zu dem Fremden hin, der unter der Thür stehen gebliebenwar. Der Mann halte die stumme Bitte des Kleinen verstanden, er trat näher, undsah das Elend in seiner wahrsten Gestalt.
Da lag die Arme mit bleichem Antlitze, -Hunger und Noth und Schmerz stand inihren Zügen geschrieben. Wie ein Engel waltete der Wohlthäter an dem Krankenlagerder armen Wutwe, — er zog ein Fläschlein hervor und benetzte ihre Lippen mit einemstärkenden Trunk, er drückte dein Knaben ein Geldstück in die Hand und hieß ihn Speisekaufen, während er selbst an dem Bette blieb und auf jeden Athemzug der Kranken lauschte.
Nach einer halben Stunde schlug sie die Augen auf und wußte nicht, — wie ihrgeschehen war. Da erzählte ihr der Fiemde Alles und als er geendet, küßte sie seiA