Ausgabe 
29 (19.12.1869) 51
 
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Deutsche Christbaume im Ausland.

Der vielgereiste Fr. Verstärker bespricht diesen für deutsche Leser so anziehendenGegenstand in einem deutschen Blatte. Bon seinen Mittheilungen hierüber ist dasFolgende ein Auszug. Ich habe Weihnachten, beginnt er, in den verschiedensten Landernder Erde zugebracht, und ordentlich rührend war es zu sehen, wie hartnäckig dieDeutschen aller Orten an der lieben alten Sitte festhielten, und diese, während ihreErinnerungen wie in einer Art von Heimweh an dem alten Vaterlande hafteten, gleichsamüber die Erde säeten. In England hat derChristbaum" schon durch die halbdeulscheKönigin Bicloria feste Wurzeln geschlagen. Langsam aber sicher streut er von London aus seinen Samen durch das ganze brittische Reich, und die Zeit wird kommen, wo einenglisches Kind so wenig, wie ein deul>ches, sich ein WcihnachtSfest ohne Baum denkenkann. Und Amerika? wohin ich nur hörte, wurde dort, wenn von Weihnachten die Redewar, von einem Baum gesprochen, und in Venezuela sagte mir ein ächter Acmkee, alsdie Rede auf Weihnachten in den Vereinigten Staaten kam, und ich ihn fragte, ob erauch den Christbaum kenne:Nun, wir werden doch das Christfest nicht ohne Tanneverbringen sollen?" Größere Hindernisse haben südlichere Völker zu bewältigen, da unsereNadelholzbäume unter den Tropen nicht so recht gedeihen; wo sie jedoch durch die Nähehoher Gebirge begünstigt sind. Pflanzt mau jetzt auch die Christbäume an. Als ich vormehr als 20 Jahren in Louisiana war, hatten wir große Noth um einen Christbaum,da Fichten und Tannen fehlten; nur einzelne Kiefern standen dort in dem niedrigenLande. Deßhalb mußte ein Kieferwipfel zu einem Christbaume ausgeschnitten werden.Drei Christtage hinter einander lag ich in den wilden Wäldern von Missouri und Arkansas einsam bei meinem Lagerfeuer, aber stets suchte ich mir dann einen Nadelholzbaum, unterdem ich mein Feuer anzündete, und war im Geiste bei meinen Lieben in der deutschen Heimath. Ein Weihnachten verbrachte ich in Batavia. Auch dort wissen sich die Deutschen ,und mit ihnen schon manche holländische Familie zu helfen, und aus Taxus oder einemandern ähnlichen Stamme wird ein Weihnachtsbaum hergestellt. In Lima verbrachte icheine andere Weihnacht. Dort, wo kein Ziegen fällt, kein Baum gedeiht, gab es keineChristbäume, auch fast keine deutschen Familien, und die einzige Erinnerung war Sonne-bcrger und Nürnberger Spielzeug, auf dem Marktplatze feilgeboten, während ringsumherangezündete Lichter den Baum ersetzen mußten. Ein Weihnachten verbrachte ich in derSüdsee auf einem Wallfischfänger trauriger heiliger Abend! Da gab es keinen Baumund keine Lichter. Nur eine trübe Oellampe brannte in der Kajüte, und die einzigenBäume, welche wir dort hatten, waren die Mastbäume. Besser war es in Mexiko ,in öcfsen Hauptstadt ich das letzte Weihnachten verlebte. Der dortige Christmarkt versetztunS im Nu in die Heimath. Ein Wald von Fichtcnbäumen ragt hier überall empor,und in den zahlreichen Buden werden Zuckerbackwerk und tausend verschiedene kleine, oftsehr originelle Spielsachen feilgeboten.

Die Hochebenen von Mexiko sind unseren Nadelhölzern besonders günstig. Ichhabe wirklich in meinem Leben keine schöneren Fichten gesehen, und wie prachtvoll werdensie dort von denDeutschen " aufgeputzt! Statt vergoldete Acpfel hängen vergoldeteBananen und Granatäpfel daran; die Kinder jauchzen ihnen in gleicher Lust entgegenund in den Eltern lebt die eigene Jugend wieder auf. Da sich viele Deutsche mitmexikanischen Familien verheirathet haben, so rückt unser alter lieber Christbaum mitfliegenden Fahnen in dem den Fremden sonst eben nicht freundlichen Lande immer weitervor. Nur in dem durch die Natur eben so begünstigten Venezuela fehlt es noch anFichten und Tannen, obgleich seine 5 7000 Fuß hohen Gebirge die beste Gelegenheitbieten, solche anzupflanzen. Dürftige Kiefern keimen da wohl, aber noch haben es dieDeutschen dort zu keinem wirklichen Christbaum gebracht, was aber hoffentlich nicht mehrlange dauern soll. Aus dem allen Thüringer-Walde habe ich mir nämlich guten Samenzu Fichten und Tannen verschrieben, und wenn man diese Zeilen in Deutschland liest^