Organisation und littcrarisch-buchhändlerischc Voranösetznngcn.
am schwersten, sodaß sic, dcr buchhäudlcrischcn Scitc der Produktion nochentsprechend und so scheinbar mit dem Ganzen in Einklang, den litte-rarischcn, damit aber in der That auch den wirklichen buchhäudlcrischcnForderungen schon aufö stärkste widerspricht. Eine solche Unstimmigkeitmuß sich ergeben in Zeitaltern starker geistiger Fortschritte und Uuuwälzuugcn, die der litterarischen Welt schließlich eiu für den Buchhandelfolgenreiches verändertes Gepräge verleihen. Die Wandlungen dcr all-gemeinen Voraussetzungen unseres Zeitraums waren stark genug, umin ihrem Zusammentreffen mit einer Organisation, die auf dem Bodenanderer, älterer Voraussetzungen erwachsen war, zu Widersprüchen,Schwierigkeiten und beginnenden Reaktionen zu führen, in denen sich dcrUntergang cincs ganzcn Systems buchhäudlcrischcr Organisation ankündigte.
Wir befinden uns im Tauschzeitalter. Das offizielle Adreßbuch desDeutschen Buchhandels vom Jahre 1905 verzeichnet S880 reine Ver-lagöhandlungen, 235 Antiquariats- und l>480 SortimentSbuchhandlungen.Unter diesen lctztcrn befinden sich viele, die ebenfalls Verlag besitzen;wenn aber das Tauschsystcm heute noch herrschte, so wären alle diese9585 Handlungcu Sortimcntc, dic allc im unmittclbarcu Vertrieb ansPublikum wetteiferten, nnd wären zugleich alle diese 9585 HandlungenVcrlagshandlungcn, und zwar sämtlich solche, deren Existenz auf ihrcmVcrlagsgcsehäft bcruhtc. Nimmt man an, daß 4000 Handlungen reineSortimente seien, so tau» man sagen, daß durch diesen organisatorischenUnterschied die damaligen Absatzvcrhältnisse, wie wir sic uns vorhin zuvergegenwärtigen versucht haben, mit einem Schlage den heutigen gegen-über grundsätzlich um etwa 50 "/g verschlechtert wurden.
Vergegenwärtigen wir uns aber den grundsätzlichen Einsluß dcrOrganisation auf dic bnchhäudlcrisch-littcrarischcn Verhältnisse genauer.Denken wir uns recht in die Mitte dcr Dingc altzcitlichcr Organi-sation hineingestellt: untcr dic deutschen Buchhändler, wenn sic zumpersönlichen Handel in der Mcßstadt versammelt sind. Eine wirklicheWahl dcr Büchcr mußte untcr dcm Drange dcö Mcßvcrkchrö leiden;das Publikum verlangte dic Neuigkeiten im Buchladcn vorrätig zn sindcn;und was dcr Buchhändler als Vcrlcgcr von seinem Kollegen in dessenEigenschaft als Sortimentcr erwartete, das mußte er auch als Sorti-mcutcr dcmsclbcu Kollcgcu in dcsscn Eigenschaft als Vcrlcgcr zngcstchcn.So war cö schwer und dein Dnrchschnittsbnchhändlcr unmöglich, sich
Geschichte des Tcntschen Buchhandels. II. 26