368 Kapitel: Weiteeentwickelunq des Gcschäftswesens. 1815—1867.
Zum andern gehört hierher die Herausbildung einer neuen geschäft-lichen Spezialitat, des modernen Antiquariats. Allgemein beruhte sieauf derselben geschäftlichen Notwendigkeit, die mit dem ausgehenden18. Jahrhundert zu der Übergangserscheinung der Lagcr-„Entschüttung"geführt hatte. Damals lagen ihre besonderen, für die organisatorischenWandlungen der Zeit bezeichnenden Ursachen in der Notwendigkeit, diealten Tauschlager zu räumen. Das war jetzt als für das Ganze derOrganisation bezeichnend vorüber. Die Notwendigkeit der Abstoßung alter,und nicht nur alter, sondern auch neuer Massenbestände aber mußtesich jetzt gerade beim Verleger nicht minder und infolge wiederumanderer Wandlungen sogar noch dauernder geltend machen: infolgerascheren wissenschaftlichen Fortschritts, gesteigerter Lebhaftigkeit der Pro-duktion, des Konsums, der Spekulation und der stärkeren Bevor-zugung des Novitätenvertriebs durch das Kouditionssystem. Schon zuAusgang des 18. Jahrhunderts hatte man dem deutscheil Buchhandeldenjenigen Frankreichs und besonders Englands gegenübergestellt. DieVerbreitung eines tüchtigen, aus überall einander ebenbürtigen Mit-gliedern bestehenden Buchhändlerstandcs über das ganze Sprachgebiet,der überall grundsätzlich in gleich leistungsfähiger Weise ein Diener amBuche war: das war damals der Unterschied, und er war es jetzt. Aberdamals hatte man, vom Standpunkte sowohl des alten Tauschsystems, wieder Verbindung von Tausch- und Konditionssystem, ihn nur als ab-schreckendes Beispiel gegenübergestellt; jetzt dagegen wies man vielfach aufdas Großsortiment, wie es anch Deutschland zur Tanschhandelszeit be-sessen hatte, nnd den Barverkehr Englands im empfehlenden Sinne hin.Wenn die Masse der „wirklichen" oder „Commissionsbuchhändler" sichauf den Bertrieb der Neuigkeiten und der gangbarsten alten Litteratnrbeschränkte und sich auch trotz billiger Bar-Partie-Angebote seitens desVerlegers nicht recht auf eine andere Bahn wagte, was lag dann näher,als daß der eigentliche „Kaufmann" im bnchhändlerischen Gewerbe: derAntiquar, die Gunst solcher Verhältnisse für sich benutzte ? Man nannteihn in dieser Hinsicht „Bücherhändler" oder „sogenannten Antiquar"; dieFirmen bezeichneten sich selbst als „Büchcrhandlung" lz. B. „GselliusschcBücherhandlung" in Berlin ).