424 10- Kapitel: Die Reformbewegung bis zum Ausgang der sechziger Jahre.
fahrung fehlt. — Wohin diese neue Wendung führt, das versteht keinerunter uns. . . Es ist gesagt, das Übel sei allmälig entstanden, undmüsse auch allmälig geheilt werden, das geht aber eben so wenig alswie man das Alter zur Jugend machen kann! — Allgemeine, oft citirtcRedensarten, als: moralische Gewalt, Ehrengericht, Ercludirung :c.zerfallen in Nichts, wenn man im Hintergründe sieht, wie eine neueZeit sich eine neue unbekannte Bahn zu brechen sucht. . . Wir stehenaugenblicklich in einer solchen Übergangsperiode, daß wir unseren eignenOrganismus nicht klar verstehen. . ." Seine Ratschläge waren die fol-genden drei: der Buchhändler solle der neuen Richtung mit klarem Augeentgegcnblicken, „welche sich trotz allen Sträubcns Bahn brechen wolle",und nach der Fortbildung suchen, in der Altes und Neues vereinigt sei;die Konkurrenz werde künftig ebenso da sein, wie sie jetzt da sei, undkönne höchstens durch möglichste Verhinderung des Zudrangs neuer Lehr-linge bis zu gewissem Grade korrigiert werden, aber nur im Wegefreier Vereinigung; im übrigen „möchten vielleicht kleinere Vereine (ineinzelnen Städten) dazu beitragen, die Rabattgewährung zu vermindern".— Reimer sah das buchhändlerische Grundübel in der Herrschaft des>ionditionssystems. Die Verhältnisse nach dieser Richtung hin sind „soauf die Spitze getrieben, daß ein Umschlagen ganz unvermeidlich ist".„Wenn man, um für die Verhältnisse des Buchhandels eine Vergleichungzu finden, auf andere kaufmännische Geschäfte sieht, so crgiebt sich wohlunzweifelhaft, daß diejenigen Kaufleute, welche für eigene Rechnung undGefahr handeln, allein die Möglichkeit vor sich sehen vorwärts zukommen, während alle Commissions- und Agentur-Geschäfte durch dieConcurrenz auf ein Minimum des Verdienstes herunter gebracht werden."Daß in diesem Sinne „der Sortimentsbuchhandel sich die verloreneselbständige Stellung wieder erringen müsse" — eine solche „Wiederher-stellung einer inneren Ordnung im deutschen Buchhandel", Leitung zurinneren Abkehr „von einer verkehrten Richtung wieder in die rechteBahn" bildete für Reimer den Kern der Reformfrage; alle andernMittel und Versuche sind „zu mechanisch". Es ist ein ganz natürlicherZusammenhang, „wenn man für das, was allgemein als Commissions-wanre gilt, sich mit einem Verdienst, der wenig mehr als Commissions-gebührcn beträgt, begnügen muß." Ebenso „widerspricht es wohl derNatur des Handels, daß diejenigen, welche die Waare nur commissions-