Druckschrift 
Geschichte des deutschen Buchhandels vom Beginn der Fremdherrschaft bis zur Reform des Börsenvereins im neuen Deutschen Reiche / Johann Goldfriedrich
Entstehung
Seite
495
Einzelbild herunterladen
 

Wandlungen in Publikum und Buchhandel.

495

Aber waren denn das wirklich neue Erscheinungen? Nein, gewißnicht, und wir weisen gerade umgekehrt zurück auf das Wort vomkünst-lichen Publikum", in dem sie schon geraume Zeit vorher begrifflichfixiert worden waren. Nur daß sie, daß alles, was wir im allgemeinenund besondern in der Geschichte der Reformbewegung bis zum Ausgangder sechziger Jahre kennen gelernt haben, jetzt in einer Welt vor sichging, die endgültig mit der alten Zeit gebrochen hatte, und in ihr sichnoch ganz anders ins Große auswuchs. Ein halbes Jahrhundert zu-rück, im Jahre 1825, schrieb noch I. A. von Berg! in der BroschüreDer Buchhändler":Wer Lehrbursche annimmt, macht sich verbindlich,für sie als Vater zu sorgen", und beim alten Carl August Adolf Ruprechtin Göttingen (gest. 1861) wohnten noch bis zuletzt die Gehilfen undLehrlinge im Hause des Prinzipals und nahmen gemeinsam mit seinerFamilie die Mahlzeiten ein. Natürlich hatte ein so patriarchalischesVerhältnis, wie überall, seine Schattenseiten gehabt: Rudolf Oldenbourg erzählt in seinenErinnerungen" aus seiner Lehrzeit in einem LübeckerSortiment um das Jahr 1830, wie er nur einen Abend in der Wocheausgehen und Sonntags nur aller 14 Tage Nachmittags von 3 bis10 Uhr das Haus verlassen durfte und dabei den Hausschlüssel nursehr ausnahmsweise zu einer Tanzgesellschaft anvertraut erhielt. Aberdavon abgesehen: wenn wir ähnliches z. B. für die zwanziger Jahre vonder Firma Perthes <K Besser in Hamburg hören, in der die Angestelltenwie Familiengliedcr behandelt wurden, so wird uns die Verbindungvon Familien- und Geschüftslebcn schon als ein Ausnahmefall beschrieben.Die Verhältnisse hatten sich in gewisser Weise ähnlich verschoben in denBeziehungen des Verlegers zu seinen Autoren. Wenn bis zu den vier-ziger Jahren hin die Autorcnkontcn Georg Reimers bald (für A. W.Schlegel) ein halbes oder ganzes Dutzend Spickgänse für 5 Rthlr. 4 Gr.oder 8 Rthlr., bald eine Lieferung Tcltowcr Rüben für 3 Rthlr. 12 Gr.,bald (für Schleiermacher) Lotterielose, Tuch, Wolle, Messer, Lachs, Cognac,Wein oderein Paar casimirne Beinkleider nebst Schnciderlohn" auf-traten: wie waren mit der Veränderung von Handel und Verkehr sosüße und trauliche Bande nun so lange schon zerrissen. Und im Ver-hältnis des Buchhändlers zum Publikum: noch gegen die Mitte des19. Jahrhunderts finden wir den Buchladcn vielfach seine alte RollealsSammclstätte der Gelehrten und Litteraten" spielen wie einst in