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Wirtlischaft und Mode.
uns nervös, wenn wir ewig ein und dasselbe Kleidungsstück an unsoder unserer Umgebung sehen sollen. Ein Abwechselungsbedürfnissbeherrscht die Menschen, das oft geradezu zur .Rohheit in der Behand-lung alter Gebrauchsgegenstände ausartet. Ein Ehepaar richtet seinHaus kaltlächelnd zur silbernen Hochzeit von oben bis unten neu ein.als ob die fünfundzwanzig Jahre gemeinsamer Nutzung nicht tausendFäden zwischen den Bewohnern und ihren Möbeln gesponnen hätten,die zu zerreissen empfindsamen Naturen als eine Barbarei erscheint.
Alter das heranwachsende Geschlecht weiss nichts von der „Rührselig-keit“ und „Gefühlsduselei“ der früheren Zeit. Es ist härter geworden i%
und damit sind auch die Beziehungen des Menschen zu den Gegen-ständen seines täglichen Gebrauchs jenes oft so gerniitlivollen undromantischen Zaubers entkleidet, der in die Zimmer unserer Eltern trotzaller ästhetischen Versündigungen doch jene Wärme hineintrug, dieheute den glänzenden Salons der Enkel — ach wie häufig! — fehlt.
Nun ist aber endlich zu einem beträchtlichen Theil der ewige .
Wechsel, den wir mit unseren Gebrauchsgegenständen vornehmen, garnicht einmal Ausfluss einer freien Entschliessung. ln ausserordentlichvielen Fällen untersteht der Einzelne dem Zwange, den die Sitte, denseine Gruppe auf ihn ausübt. Er wechselt, weil er wechseln muss. DerWechsel ist aus einer individuellen eine sociale Thatsache geworden,und damit gewinnt er. erst jene weittragende Bedeutung, die ihm heuteinnewohnt. Der Leser sieht, bis zu welchem Punkte die Untersuchunggefördert ist: wir stehen vor dem Problem des Modewechsels, und dasThema, dessen Lösung uns obliegt, erheischt eine Erklärung diesesPhänomens: eine Theorie der Mode.
Es ist schon manches kluge Wort über die Mode gesprochen undgeschrieben worden. Von gelehrten Kulturhistorikern 1 * ), von tief-gründigen Psychologen 8 ), von geistvollen Aesthetikern 3 * * * * ). Nur wie wirdas so gewohnt sind, wenn wir nach den Nationalökonomen fragen, die ^
unsern Gegenstand etwa behandelt haben, so finden wir nur geringe '
Spuren ernsthafter Untersuchungen; meist nur Wiederholungen dessen,was Nichtfachmänner darüber geschrieben haben.
Durch alle Compendien und Lehrbücher schleppt sich der mässiggute Witz von Storch, der die Mode als „Meinungsconsumtion“ be- ;
l) Vergl. die Werke, die die Geschichte der Mode und Trachten behandeln:
F a 1 k e . Die deutsche Trachten- und Modemveit. Ein Beitrag zur deutschen
Kulturgeschichte. 1858. Weiss, Kostümkunde. J. Lessing , Der Modeteufel,
und viele andere. Eine kurzweilige, populär geschriebene Geschichte der (Kleider-)
Mode enthält die Schrift von Rud. Schulze, Die Modenarrheiten. 1868.
-) Vergl. z. B. G. Simmel . Zur Psychologie der Mode in der „Zeit“, 12. Okt. 1895.
a ) Friedrich Theodor Vis eher hat eine seiner amüsantesten Schriften
unserem Thema gewidmet: Mode und Cynismus, zuerst 1878. 3. Auflage. 1888.