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Wirthschaft und Mode.
der den . Modeteufel “ in allen Jahrhunderten gleichmässig am Werke
sieht: denn das Schelten auf neu eingeführte Kleidertrachten, wie wir
es in der moralisirenden Literatur seit den Kirchenvätern finden, lässt
doch nicht ohne weiteres auf die Existenz einer .Mode - im modernen
Sinne scliliessen. Dagegen begegnen wir unzweifelhaft der echten Mode
in den italienischen Städten schon des 15. Jahrhunderts 1 ) und während
des 16. und 17. scheint auch im Norden die .Modenarrheit“ erheblich
an Ausdehnung gewonnen zu haben. 2 ) In Venedig und Florenz gab es
zur Zeit der .Renaissance für die Männer vorgeschriebene Trachten und
für die Frauen Luxusgesetze. Wo die Trachten frei waren, wie z. B.
in Neapel, da constatiren die Moralisten, sogar nicht ohne Schmerz,
dass kein Unterschied mehr zwischen Adel und Bürger zu bemerken
sei. Ausserdem beklagen sie den bereits äusserst raschen Wechsel der
Moden und die thörichte Verehrung alles dessen, was aus Frankreich
kommt, während es doch oft ursprünglich italienische Moden seien, die '
man nur von den Franzosen zurückerhalte (Burckhardt).
Und die für die Machthaber köstliche Zeit des ancien regime, dasJahrhundert der Watteau, Boucher, Fragonard, Greuze können wir unsgar nicht anders als unter dem launischen Scepter der Modegöttinstehend vorstellen. Wenn Mercier an einer Stelle ausruft 3 ): _il estplus difficile ä Paris, de fixer Fadnhration publique que de la fairenaitre; on brise inqntoyablement l’idole qu’on encensait la veille et desqu’on s'aper^oit qu’un homme ou quun parti veut dogmatiser, on rit;et voilä soudain rhomnie culbute et le parti dissous-, so hätte er dieseWorte seinem ganzen Werke als Motto vorsetzen können, denn siekennzeichnen die Wesenheit Alles dessen, was er uns von dem altenParis erzählt.
Und trotzdem ist man versucht zu behaupten, dass das innersteWesen der Mode sich erst in dem verflossenen Jahrhundert, ja erst seiteinem Menschenalter voll entfaltet habe, dass jedenfalls erst in derletzten Zeit die Eigenarten der Mode sich bis' zu einem Grade aus-geprägt haben, der sie befähigte, jenen bestimmenden Einfluss auf dieGestaltung des Wirtlischaftslebens auszuüben, der allein uns an dieserStelle das Interesse für die Mode einzuflössen vermag. Was aber diemoderne Mode vornehmlich charakterisirt und was die Mode frühererZeiten entweder gar nicht oder doch nur in einer unendlich viel ge-ringeren Intensität besass, ist folgendes:
p Vergl. J. Burckhardt, Cultur der Renaissance, 3. Aufl., 2 (1878), 111 ff.
2 ) Die Literatur beschäftigt sich immer häufiger mit der „Modenarrheit“:vergl. z. B. Ludw. Hart mann, Der ä la mode-Teufel, 1675 (von Lessingcitirt); oder die Stellen hei Horneck. Oesterreich über Alles, wenn es nur will(168f) S. 18.
3 ) Mercier, Tableau de Paris 2 (1783), 75.