Wirtlisclmft und Modo.
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1. die unübersehbare Fülle von G e b r a u c h s g e g e n s t il n d e n,auf die sie sich erstreckt. Diese Mannigfaltigkeit wird erzeugt einmaldurch die reichere Ausgestaltung der Güterwelt überhaupt. Was bei-spielsweise heut zu Tage zur Vollendung der weiblichen Toilette, waszum Bedarf eines Löwen des Salons gehört, grenzt an das Fabelhafte.Und je unnützer der Gegenstand, desto mehr der Mode unterworfen.Was das Gigerl, wenn es in feldmarschmässiger Ausrüstung sich be-findet, allein an .Gebrauchsgegenständen“ ausser der completen Kleidungauf dem Leibe tragen muss, füllt zusammengelegt ein kleines Köfferchenan. Die Mannigfaltigkeit der „Modeartikel“ wird aber des weiterenauch dadurch gesteigert, dass immer neue Kategorien von Gebrauchs-gütern in den Bereich der Mode gezogen werden. So sind erst inneuerer Zeit recht eigentlich der Mode unterworfen nur von Bekleidungs-gegenständen: Wäsche, Cravatten, Hüte, namentlich Strohhüte, Stiefel,Regenschirme u. A.;
2. ist es die absolute Allgemeinheit der Mode, die erstin unserer Zeit sich eingestellt hat. Während in der Renaissancezeit,trotz des beginnenden Einflusses Frankreichs, die Verschiedenheit derMode selbst in den einzelnen Städten Italiens noch fortdauerteunddoch immerhin auch im grossen Ganzen bis in’s 19. .Jahrhundert hinein,die Gleichförmigkeit der Bedarfsgestaltung auf je einen Stand, auf einebestimmte sociale Klasse beschränkt blieb, ist es die Wesenheit unsererZeit, dass mit der Ausdehnungsintensität gasförmiger Körper sich jedeMode binnen kürzester Zeit über den Bereich der gesannnten modernenOulturwelt verbreitet. Die Egalisirungstendenz ist heute durchaus eineallgemeine und wird durch keine räumliche und keine ständige Schrankemehr aufgehalten. Endlich ist
3. das rasende Tempo des Mo de Wechsels ein ebenfalls derMode unserer Zeit charakteristisches Merkmal. Was wir aus vergangenenJahrhunderten von dem Modewechsel erfahren, ist doch immer nur einehöchstens nach Jahren rechnende Verschiebung der Bedarfsgestaltung.Heute ist es kein seltener Fall mehr, dass beispielsweise eine Damen-kleidermode in einer und derselben Saison vier- bis fünfmal wechselt.Und wenn wir bei irgendeiner „Mode“ eine Lebensdauer von mehrerenJahren nachweisen zu können glauben, so setzt uns das höchlichst inErstaunen und wir sprechen schon davon, wenn es sich um eine Kleider-mode handelt, dass die betreffende Eigenart anfange, einen Bestandteilunserer „Tracht“ zu bilden: wie beispielsweise der Frack der Herren.Aber auch in diesem Falle betrifft die Dauer doch immer nur einenTypus als Ganzes betrachtet: an den Einzelheiten bosselt und nesteltche Mode gleichwohl immer weiter herum. Wer möchte beispielsweise
9 J. Burckliardt, a. a. 0. S. 113.