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VVirthscliat't und Mode.
den zwei- oder dreijährigen Frack nicht an der Unterschiedlichkeit inSchnitt und Stoff vom modischen Frack jederzeit, zu erkennen sich an-heischig machen?
„Wie ein unartiges Kind, das keine liuhe giebt, so treibt es dieMode, sie thut’s nicht anders, sie muss zupfen, rücken, umschieben,strecken, kürzen, einstrupfen, nesteln, krabbeln, zausen, strudeln, blähen,(juirlen, schwänzeln, wedeln, kräuseln, aufbauschen, kurz, sie ist ganzdes Teufels, jeder Zoll ein Affe, aber just auch 'darin wieder steif undtyrannisch, phantasielos, gleichmacherisch, wie nur irgend eine gefroreneOberhofmeisterin spanischer Observanz; sie schreibt mit eisiger Ruhe dieabsolute Unruhe vor, sie ist wilde Hummel und mürrische Tante, aus-gelassene]' Backffschrudel und Institutsvorsteherin, Pedantin und Arlekina in einem Athem.“ *)
Was ist es nun aber, das alle diese der Mode eigentümlichenZüge gerade in unserer Zeit, die sich selbst mit Vorliebe das Prädikatder aufgeklärten beilegt, so scharf herausgearbeitet hat? Diese Frageist naturgemäss schon oft aufgeworfen und ebenso oft beantwortetworden, aber ich muss gestehen, dass keiner der Erklärungsversuchemich voll befriedigt. Ich meine nicht jene Deutungen des Wesens derMode überhaupt. Hier sind die Untersuchungen Simmel’s undVis eher's derart, dass ihnen kaum etwas Heues hinzugefügt werdenkönnte. In dem Grundgedanken dieser beiden Schriftsteller, dass dieMode „eine besondere unter jenen Lebensformen darstellt, durch dieman ein Compromiss zwischen der Tendenz nach socialer Egalisirungund der nach individuellen Unterscheidungsreizen herzustellen sucht“(Simmel), ist sicher die psychologische Eigenart modemässigen Ver-haltens richtig zum Ausdruck gebracht, sondern ich meine jene Theorien,die die intensive Entfaltung der Modehaftigkeit in unserer Zeit, dieDurchtränkung des gesammten socialen Lebens der Gegenwart mit Mode,die insbesondere die oben namhaft gemachten Speciüca der modernenMode zu erklären sich anheischig machen. Sie tragen alle ein aus-gesprochen doctrinärgekünsteltes Gepräge: wenn Vis eher beispiels-weise die stark ausgeprägte Modehaftigkeit der Gegenwart als eineFrucht der scharfen Zuspitzung der Reflexion ansieht, zu welcher dieGedankenströmungen des 18. Jahrhunderts das Bewusstsein gewetzt undgeschliffen haben. Man merkt ihnen auf den ersten Blick an, dass ihreVerfasser keine rechte Vorstellung haben von der Art und Weise, wiedenn „die Mode“ heutigen Tags entsteht, also auch nicht von dentreibenden Kräften, die bei ihrer Bildung hauptsächlich thätig sind.Mir scheint aber, als ob eine genaue Kenntnis dieser Vorgänge unsallein in Stand setzt, den unserer Zeit eigenthümlichen Verumständungen
ff V i s c h e r, a. a. 0. S. 52.