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Wirthschaft und Mode : ein Beitrag zur Theorie der modernen Bedarfsgestaltung / Werner Sombart
Entstehung
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Wirthschaft uml Mode.

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bei der Bildung der Mode auf die Spur zu kommen und also auch alleindie Mittel an die Hand giebt, die aufgeworfene Frage sachgemiiss zubeantworten.

Um die ausserordentlich complicirten Zusammenhänge,um die es sich bei der Entstehung der Mode handelt, mög-lichst deutlich zur Anschauung zu bringen, greife ich eine bestimmteGeschäftsbranche, in der die Mode ja eine hervorragende Holle spielt,heraus: die Damenkleidung, und werde zunächst einfach erzählen, wiein ihr die Entwickelung der Mode sich zu vollziehen pflegt.')

Nehmen wir zum Ausgangspunkt ein Bi eslauer Damenmäntel-Confectionshaus und treten wir in seine Geschäftsräume etwa inder Pfingstwoche 1900 ein. So sehen wir die Detailverkaufsräume natur-gemäss angefüllt mit Jackets und Mänteln, die im Frühjahr und Sommer1900 bedurft werden und deren Schicksal uns hier nicht interessirensoll; wir finden dagegen die grossen Engrosverkaufshallen vollerKleidungsstücke, die im Winter 1900/1901 getragen zu werden bestimmtsind. Es sind einstweilen nurCollectionen,Musterungen, nachdenen die zureisenden Händler der Provinz ihre Bestellungen machen,dieselben Collectionen, mit denen in der Woche nach Pfingsten derSchwarm der Reisenden auf der Suche nach Kunden ausserhalb Breslaus auszieht. Diese Mäntel und Jacken tragen eine Mode: die Mode deskommenden Winters. Wi$ ist sie entstanden? Zunächst sagen wireinmal auf dem Wege der Inzucht: Zeichner unseres Breslauer Hauseshaben in Anlehnung an die herrschende Sommermode Entwürfe fürWintersachen gemacht, die dann zur Ausführung gebracht sind: nachGutdünken. Aber in der Hauptsache ist es doch fremder Geist, der inden Kleiderregalen unseres heimischen Geschäftes haust: die meistender dort ausgestellten Stücke sind nach Berliner Modellen, die derLeiter des Geschäfts ein paar Wochen vorher in der Reichshauptstadtbei den tonangebenden Confectionären, den Mannheimer und Consorteneingekauft hat. Unser Weg zur Quelle der Mode führt uns also zu-

fi Die folgende Darstellung beruht im Wesentlichen auf eigener Anschauungund Aussprache mit Grossindustriellen und Grosshändlern der verschiedenen Branchen.Das einzige, was aus der Literatur zu verwenden ist, ist das Werk von Coffignon,Les Coulisses de la Mode (ca. 1888), dem ich viel Anregung verdanke. Es ist aberdurchaus feuilletonistisch-skizzenliaft gehalten. Ferner hieten einen reichen Stoffan Einzelthatsachen, die freilich erst für die Zwecke der wissenschaftlichen Yer-werthung zurechtgemacht werden müssen, die zahlreichen Fachzeitschriften,deren jede Branche ein halbes Dutzend und mehr besitzt, namentlich die öster-reichischen, französischen und amerikanischen. Ganz besonders reichhaltig ist diedeutsche ZeitschriftDer Confectionär, der während der Saison zweimalwöchentlich in Nummern von je 64 Folioseiten erscheint. Die im Text gegebenoDarstellung ist an der Hand des Inhalts der letzten Jahrgänge desConfectionärsauf ihre Richtigkeit hin geprüft worden.