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Wirthschaft und Mode : ein Beitrag zur Theorie der modernen Bedarfsgestaltung / Werner Sombart
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Wirtlisclmft und Mode.

nächst nach Berlin : welcher Eingebung verdanken die Berliner Musterihr Dasein? Theil weise wiederum eigener Conception: ein grösserer undgewandterer Stab von Dessinateuren, die im Dienste der Berliner Confectionäre ihre Kunst verwerthen, hat aus den Vorlageblättern für<lie Sommermode durch zweckentsprechende Abänderungen der Winter-in ode 1899/1900 auf diese Veränderungen kommt es vor Allem an eine neue Wintermode heraus destillirt: hat beispielsweise die durch-brochenen Aermel der Sommermode 1900 auf die Winterkleider derkommenden Saison aufgeklatscht nebenbei ganz unsinniger Weiseund rein mechanisch, denn der Durchbruch, der in der Sommertoiletteseine tiefere Bedeutung hat, wird zur Faxe bei der Wintermode. Aberauch an den Berliner Collectionen, die den Codex für die ProvinzenDeutschlands abgeben, ist nur ein Theil eigene Erfindung. Ganz wesent-lich haben auf ihre Gestaltung wiederum auswärtige Modelle eingewirkt;diesmal Pariser Modelle, die die Berliner Confectionäre im Laufe desWinters 1899/1900 in Paris eingekauft haben. In Paris beschäftigensich zahlreiche Geschäfte überhaupt nur mit der Anfertigung und demVertrieb solcher Muster; es sind die sogen. Maisons decliantillonneurs.Woher haben diese Häuser ihre Mode ? Auch sie haben sie nicht selbsterzeugt, auch sie leuchten im Wesentlichen mit fremdem Licht. DiesesLicht aber, in dem die Echan tillonneurs leben, ist endlich die Central-sonne, von der alle Mode in unserer Branche ausstrahlt: es sind diegrossen Schneider der halben Ganzwelt und ganzen Halbwelt in Paris. Sie sind es, die die Originalmode schaffen, in unserem Falle. also dieWintermode 1900/1901 für Leitomischel und Krotoschin im Frühling.Sommer, Herbst 1899 geschaffen haben.

Es ist ein Studium für sich, ein höchst originelles und interessantesKapitel: die Genesis der Pariser Mode, von dem ich nur einzelnewenige Stücke hier wiedergeben kann. 1 )

Bekannt auf der ganzen Erde als Gebilde ganz eigenartiger Natursind die grossen Meister der Schneiderkunst: diegrands couturiers,dietapissiers des fennnes, wie sie sich selbst lieber nennen hören, vondenen Mich eiet sagen zu sollen glaubte: ,pour un tailleur, qui sentmodelle et rectifie la nature je donnerais trois sculpteurs classiques.Ihre Zahl ist nicht gering. Selbst führende Häuser giebt es fast einDutzend, unter denen wiederum Rouff und Lafferiere, Pingatund Worth, neuerdings vor allem I) oeuillet und Doucet' an Machtund Ansehen hervorragen. Diese ganz Grossen sind in derKreirungder Mode fast autonom; ganz selten, dass sie sich einerAnregung

0 Vergl. noch ausser den bereits genannten Schriften: Ct. Worth, La Cou-ture et la confection des vötements und Clirenlaire Nr. 14 der Serie A des Museesocial (30. Jun. 1897):Lindustrie de la couture et de la confection ä Paris".