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Wirthschaft und Mode : ein Beitrag zur Theorie der modernen Bedarfsgestaltung / Werner Sombart
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Wirthsclnift mul Mode.

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bedienen, die ihnen die vendeurs didees, diedessinateurs de figurines,deren es etwa 12 in Paris giebt, gegen klingende Münze zukonunenlassen. Nur in Ausnahmefallen auch folgen sie den Anweisungen ihrerKlientel.

Diese ist im Wesentlichen nur ihr Organ, ist nur das Instrument,auf dem sie spielen. Vor allem die grossen tonangebenden Kokottenund nächst ihnen die Heldinnen der Bühne im Frühjahr 1800beispielsweise die M e Bartet als Francilion, heuer mit Vorliebe dießejane, die der Mannequin Doucets ist dienen dazu, die meistenSchöpfungen der genannten Herren, wie der Ausdruck lautet, zulanciren. Dieweil aber die Herrschaft der Demimondaine über Paris naturgemäss im Winter geringer ist als in der guten Jahreszeit, soliegen die eigentlichen Schöpfungstage der Mode im Frühjahr undHerbst: es sind der Firistag im Salon, der Concours hippique, dieKennen von Auteuil und namentlich der Grand Prix in den Long-champs, während des Frühjahrs, neuerdings auch ein Grand Prix imHerbst. Schlägt die neue Mode ein, so folgen die Mondaine der Demi-mondaine bald nach und der Fortpflanzungsprocess, den wir obengeschildert haben, kann beginnen, bis er sein Ende 1 x / a2 Jahrespäter in den kleinen posenschen Städtchen an der russischen Grenzeerreicht.

Wir sagten: die europäisch-amerikanische Kleidermode sei die ur-eigene Schöpfung des Parisers Schneiders. Das ist nun aber doch nurmit einiger Einschränkung richtig: es bezieht sich nämlich nur auf dieFatjon der Kleidungsstücke. Machen wir uns aber klar, dass unserMeister ja doch sein Werk compouiren muss unter Zuhilfenahmeirdischer Stoffe: er bedarf der Seide und Wolle, des Samtes und Pelz-werks, der Spitzen und Kuschen, der Passamente aller Art, der Knöpfeund Schnallen, der Federn und Blumen, kurz einer unendlichen Füllegewerblicher Erzeugnisse, die ihre Geschichte schon hinter sich haben,wenn sie in die Hände der Couturiers gelangen, deren Mode alsoauch vorher schon gebildet sein muss. Zweifellos übt derschöpferische Schneider auch Einfluss auf die Moderichtung in allenBranchen aus, deren Erzeugnisse ihm für sein Werk dienen: im grossenGanzen aber nimmt er die Stoffe und Zuthaten, wie sie ihm die ver-schiedenen Industrien liefern, zum Ausgangspunkt für seine eigeneComposition. Auf unserer Wanderung ins Heimathland der Mode sindwir also abermals auf ein ferneres Ziel hingewiesen: wir müssen dieModebildung in den Hilfsindustrien der Schueiderei ins Auge fassen.

Und abermals stossen wir auf das Bureau von Dessinateurs, die imDienste der kapitalistischen UnternehmerMuster undModelle, seies für Stoffe, für Besätze, für Behang zeichnen, die von den Fabrikenausgeführt und dann in Mustercollectionen zusammengestellt der Kund-

Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens. (II. Band, Heft XII.) 9