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Wirthschaft und Mode : ein Beitrag zur Theorie der modernen Bedarfsgestaltung / Werner Sombart
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Wirthsclmft und Mode.

schuft (die in diesem Falle nie der letzte Consument, sondern immer nurwieder ein Fabrikant oder Händler ist) zur Auswahl vorgelegt werden.Wer sich nicht eigene Zeichner halten kann, abonnirt sich auf solcheneueDessins. In der Textilbranche giebt es in Paris Specialgeschäftefür Musteranfertigung, bei denen die grossen Webereien des In- undAuslands ihren Bedarf an neuen Gedanken, .Dessins, gegen Bezahlungeiner Pauschalsumme in jeder Saison zu decken in der Lage sind. Ineinzelnen Branchen wurden die Muster der neuen Mode durch Beschlussder Vertreterschaft der betreffenden Industrie gleichsam kanonisirt. Sogiebt dieChambre syndicale de fleurs et des plumes alljährlich eineFarbenkarte heraus, die maassgebend ist für alle Blumen- und Feder-erzeugung. Sie wird bestimmt wiederum auf Grund der Seidenband-muster, die von den Lyoner Seidenbandfabrikanten zur Ansicht ver-sandt werden und ist dann zum Preise von 3 Mk. überall käuflich.

So ergiebt sich schon ein Hetz gegenseitiger Abhängigkeits-beziehungen zwischen den einzelnen Industriezweigen selbst nach dieseretwas scheinatisirten Darstellung. In Wirklichkeit ist es ein noch un-endlich complicirterer Process, in dem die Mode zum Leben und zurVerbreitung gelangt. Denn wenn es auch theoretisch nur für die grossenZüge der Damenmodeentwicklung richtig ist, dass im Winter 1898/99die Stoff- und Knopfmode in den französischen Industrien creirt wirdfür die Kleider und Mäntel, die das provinziale Ostdeutschland imWinter 1900/1901 trägt, so ist doch zu bedenken, dass dieser grad-linige Entwicklungsgang durch zahlzeiche Tendenzen in verschiedensterLichtung durchkreuzt wird: dadurch dass deutsche oder andere Schneiderund Confectioniire die französische Mode nach dem Original copiren,ohne des umständlichen Vennittlungsmechanismus zu bedürfen, den wirunserer Schilderung zu Grunde legen; dadurch, dass dieDessins undMustercollectionen z. B. in der Textilindustrie eher Verbreitung findenals die daraus gefertigten Kleidungsstücke, also selbstständig mode-bildend wirken können; dadurch, dass die zahlreichen Fachzeitschriftenund Modejournale die neue Mode schon fast im Momente ihrer Ent-stehung, ja theilweise noch in ihrem embryonalen Zustande in alle Weltverbreiten helfen:Die Horcher wollen vernommen haben, schreibtbeispielsweise derConfectionär am I. Juni 1899,dass Meister Worthund Pingat für die Confection, die Mäntel und Paletots der Herbst-saison dem engeren Aermel ihre Gunst entziehen .... Bei Redfernwird man Herbstmodelle schaffen, die aus zweierlei Stoff gehalten sind.... Bei F r a n e i s in der Iiue Auber will man den Karpfen sich zumMuster nehmen . . . Doucet wird versuchen mittelst der M me Rejanedas Empirekleid wieder zu lanciren u. s. w. u. s. w. Endlich bleibtauch zu bedenken, dass neben dem Hauptcentrum Paris auch nochkleinere Centren in bescheidenen Grenzen modebildend wirken. Tlieils