Wirthschaft und Mode.
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dadurch, dass sie Licht von der Centralsonne des Geschmacks borgen:wenn die ausländische Gräfin oder Gesandtenfrau Dessins, die sie beieinem berühmten Pariser „dessinateur de figurines“ erworben hat, beiihrer Wiener, Londoner oder St. Petersburger Schneiderin zur Aus-führung bringen lässt. Gelegentlich aber wohl auch durch Eigen-schöpfung : mit dem Rennen zu Ascot im Juni, mit dem Wiener Derbyist immerhin zu rechnen. Es ist wenigstens möglich, dass an diesenTagen eine neue Mode englischer oder Wiener Inzucht das Licht derWelt erblickt und ihren Rundgang durch Europa-Amerika ausnahms-weise nicht von Paris aus beginnt.
Aber das alles betrifft nun erst die eine — allerdings wohlwichtigste — Provinz des Reiches der Mode. Für die übrigen geltenvielfach abweichende Gesetze. So ist das Centrum für die Entstehungder Herrenmoden noch immer die Umgebung des Prinzen von Wales ,dessen Herrschaft namentlich für Hutformen und Cravattenfarben weitüber die Grenzen beider Indien hinausreicht. Schuh und Stiefel sindbesonders capriciös in Bezug auf die Mode. Sie empfangen ihreWeisungen vielfach aus Amerika , seitdem Wiens Einfluss zurück-gegangen ist und ihre Mode, könnte man sagen, wird auf ahstractereWeise lebendig: oft nur durch Vermittelung der Fachzeitschriften undModejournale, ohne das Dazwischentreten (im eigentlichen Sinne) eineslebendigen Fusses oder Füsschens. Gelegentlich lancirt aber auch dieseseine specielle Mode. So kamen die Moliereformen der Schuhe erst auf,nachdem die Otero damit den Ostender Strand im Jahre 181)9 beschrittenhatte u. s. f.
Ich denke aber, dass das Mitgetheilte genügen wird, um darausAufschluss über die Fragen zu entnehmen, die uns beschäftigen. Wasnämlich als entscheidende Thatsache aus dem Studium des Mode-bildungsprocesses sich ergiebt, ist die Wahrnehmung, dass die Mit-wirkung des Consumenten dabei auf ein Minimum be-schränkt bleibt, dass vielmehr durchaus die treibendeKraft bei der Schaffung der modernen Mode der capita-li.stische Unternehmer ist. Die Leistungen der Pariser Oocotteund des Prinzen von Wales tragen durchaus nur den Character dervermittelnden Beihilfe.
Alle Eigenarten der modernen Mode, wie wir deren einige obenaufgezählt haben, sind also aus dem Wesen der capitalistischen Wirtli-schaftsverfassung zu erklären: eine Aufgabe, deren Lösung nunmehrnicht die geringsten Schwierigkeiten mehr bereitet.
Der Unternehmer, mag er Producent, mag er Händler sein, istdurch die Concurrenz gezwungen, seiner Kundschaft stets das Neuestevorzulegen, bei Gefahr ihres Verlustes. Wenn ein halb Dutzend Gross-confectionäre um den Absatz bei einem kleinstädtischen Kleiderhändler
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