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Wirthschaft und Mode : ein Beitrag zur Theorie der modernen Bedarfsgestaltung / Werner Sombart
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Wirthscliaft und Mode.

sich bemühen, so ist es ganz ausgeschlossen, dass sie siimmtlich nichtmindestens auf der Höhe der neuesten Mode sind; die Tuchfabrik, dieeinem grossstädtischen Schneider auch nur ein um wenig Monate älteresDessin schicken, die Baumwollenfabrik, die dem Modewaarenbazar nichtdie letzte Neuheit anbieten würde, scheiden von vornherein aus demWettbewerbe aus. Daher das weitverbreitete Streben des Unternehmers,mindestens auf dem Laufenden zu bleiben, sich stets in den Besitzder neuesten Mustercollectionen, der neuesten Vorlageblätter zu setzen.Hier liegt die Erklärung für die Verallgemeinerung der Mode. Undsofern es einer ganzen Categorie von Geschäften darauf ankommenmuss, das obigeMindestens zu überbieten, durch reizvolle Neuheitenden Kunden überhaupt zum Kauf und zwar zum Kauf bei ihnen zuveranlassen, erzeugt die capitalistische Concurrenz die zweite Tendenzder modernen Mode: die Tendenz zum raschen Wechsel.

Ueberall aber, wo wir den Producenten selbst am Werke sahen,um durch eigeneWeiterbildung Neues zu schaffen, wo der Confectionäroder Textilwaarenfabrikant eigene Dessinateure unterhält, gar aber erstbei den Geschäften, die nur dadurch bestehen, dass sie änderte Neu-heiten liefern: überall dort wird ein Herd für ein wahres Neuerungs=lieber geschaffen. Man saugt sich das Blut aus den Nägeln, mai-tert dasHirn, wie es denn möglich zu machen sei, immer wieder und wiederetwasNeues und darauf kommt es im Wesentlichen an aufden Markt zu werfen. Ich will hier einen Stimmungsbericht aus derTextilbranche wiedergeben, der mut. mut. für alle Geschäftszweige zu-trifft und die Situation in ein helles Licht setzt. Es heisst da in derNummer desConfectionärs vom 11. Mai 1899, dass dieMusterungen(für das Frühjahr 1900) begonnen haben und dann weiter:Dieserkostspielige, schwierige Theil unserer Fabrikation verursacht von Saisonzu Saison mehr und mehr Kopfzerbrechen. Die Frage : was mustern ? isteine leicht gestellte, aber ungemein schwer zu beantwortende NeueSachen, neue Artikel, neue Dessins sollen gebracht werden. Leicht wardies für Fabrikanten und Musterzeichner noch vor einigen Jahren, alsdies Gebiet noch nicht so ausgetreten und die Nachfrage eine besserewar. Aber jetzt, wo die geradezu riesenhaften Anstrengungen allent-halben gemacht worden sind und noch gemacht werden, wo man be-reits alles mögliche im Laufe der letzten Jahre gemustert und gebrachthat, wo man jede Verzierungsform, seien es nun Blätter und Bliithenoder ornamentale Sachen, Diagonalen, langgestreifte und traversbildendeMuster nach jeder erdenklichen Richtung hin ausgebeutet hat; jedeBindung und jeden Versatz durchprobirt und in Anwendung brachte,und jedes Garn in allen nur möglichen Bindungen und Zusammen-stellungen verarbeitete, jetzt ist es für Fabrikanten, Musterchef undMusterzeichner schwer, oft geradezu eine Sorge: die Zusammenstellung